Liebe Leserin, lieber Leser, wie erinnern Sie die Sommer Ihrer Kindheit? Im Juni hatte sich das Konradsblatt mit dieser Frage an Sie gewandt. Vielen Dank für Ihre Zusendungen, so mancher und so manche dürfte sich in den Erlebnissen wiederfinden, als Kinder in den Ferien zu Verwandten reisten oder zum Aufpäppeln in Kur verschickt wurden. Und das Schwimmbad konnte sich längst nicht jeder leisten ...
In die große Stadt
Mit dem Zug allein reisende Kinder in den Ferien waren früher keine Seltenheit – ganz schön aufregend für die jungen Fahrgäste.
„Für mich war ‚Sommer‘ früher immer die Zeit, während der ich zur Tante in die Stadt fahren durfte. Wer aus einem kleinen Dorf kommt, weiß, was das damals bedeutete: Da war zunächst die Anfahrt mit der Eisenbahn, wie aufregend! An jeder Station notierte ich die genauen Ankunfts- und Abfahrtszeiten und bestaunte mit großen Augen die anderen Passagiere. Und dann erst die Stadt! Die Straßenbahnen, die Geschäfte mit ihrem riesigen Angebot. So etwas kannten wir auf dem Dorf nicht. Was mich dann lange Zeit beschäftigte, war die riesige Zahl an Passanten, Menschenmassen fast ohne Ende. Ich war es gewöhnt gewesen, entgegenkommende Menschen freundlich zu grüßen. Hier musste ich erkennen, dass das gar nicht geht … Es waren schöne Zeiten, die mir zum ersten Mal die Weite der Welt nahe brachten. Dass ich später in eben jener Stadt meinen Beruf lernen sollte, konnte ich mir damals nicht vorstellen. Erst recht nicht, dass ich dann auch eine Zeit lang meine Wohnung hier finden würde. Wenn ich heute am Grab der Tante stehe, muss ich an diese Tage denken.“
Walter A. Knaus, Mannheim
Schwimmen zu lernen war in den Nachkriegsjahren genauso wichtig wie heute – aber keineswegs so selbstverständlich wie es das heute ist.
Im gestrickten Badeanzug
„Die Sommerferien der Jahre 1952 bis 1956 sind mir als Einzelkind zumeist als viel Zeit zum Lesen in Erinnerung. Einige Male durfte ich auch für zwei bis drei Wochen ins Allgäu fahren, wo meine Mutter in einem Hotel arbeitete und ich in der Tochter der Besitzer eine gute Spielkameradin auf Zeit fand. Es war unvergesslich und ein Ort vieler Freiheiten, die es sonst nicht gab! Daheim bei den Großeltern war alles streng reglementiert und bot für mich als Sechs- bis Zehnjährige wenig Abwechslung. Zu gerne wäre ich mit meinen Schulkameradinnen auch mal ins Aachbad gefahren, um schwimmen zu lernen und zu spielen, aber dazu kam es in Ermangelung eines Fahrrades und des nötigen Geldes für den Eintritt leider nicht. Stattdessen wurde auf der Terrasse eine Zinkwanne aufgestellt, in der das kalte Wasser sich tagsüber erwärmte und erst gegen Abend zum „reinsitzen“ geeignet war. Mein gestrickter Badeanzug war der reine Luxus und „wuchs“ drei Jahre mit! Schwimmen habe ich dann im Bodensee in Radolfzell gelernt, von meinem Großvater, der selber nicht Schwimmen konnte. Er stand immer mit einem Bein am Boden und ruderte nur mit den Armen – aber er war mächtig stolz, dass er es mir beigebracht hatte. Dafür liebe ich ihn mein ganzes 77-jähriges Leben lang.“
Marlies Paur, Rielasingen
In den Heidelbeeren
Heidelbeeren sind lecker – ob frisch vom Strauch gepflückt oder eingekocht als Marmelade.
„Der Sommer 1947 war heiß. Ich war im vierten Schuljahr. An einem der ersten sehr warmen Tage war ich nachmittags mit meiner Klassenkameradin Traudl in der Frankfurter Flussbadeanstalt, die sich vom Eisernen Steg bis zur Maininsel flussaufwärts zog. Traudl konnte schwimmen, ich nicht. Wir gingen auf die Insel und setzten uns auf große Steine, die gerade unter der Wasseroberfläche lagen. Da kam flussab ein tiefliegender Dampfer, wir freuten uns über die starken Wellen und schwups, hatte uns eine von unseren Steinen gespült. Wir waren außerhalb der Badeanstalt und wurden vom Wasser zur Flussmitte mitgenommen. Traudl schwamm, konnte mir aber nicht helfen, ich zappelte voller Angst im Wasser herum. Zu meinem großen Glück sah ein Badegast uns Kinder, sprang über die Abgrenzung ins Wasser und zog mich aufs Trockene. Er pumpte mir Wasser aus dem Bauch, das ich geschluckt hatte. Ich schlich mich nach Hause und ins Bett, erzählte aber nichts.
Mein Retter hatte meine Adresse erfragt und kam zu meiner Mutter ins Geschäft. Ich musste in den folgenden Tagen und bis zum Ferienbeginn täglich ins Schwimmbad und hatte Schwimmunterricht beim Bademeister. Gleich zu Ferienbeginn wurde ich von meiner großen Schwester ins Kinderheim ‚auf dem Stieg‘ bei Unteralpfen, Kreis Waldshut, gebracht. Ihr war es mithilfe ihres Professors gelungen, einen Kinderkurplatz für mich zu bekommen. Unsere Kinderärztin hatte bei mir Unterernährung und eine Hilus-Tbc festgestellt. Ohne den Professor hätte ich keinen Kurplatz bekommen. Die Tochter des Professors war auch im Hochschwarzwald dabei und war so alt wie ich. Wir fanden es wunderbar – von Heimweh keine Spur. Und das Essen, hmm …!
Vormittages gingen wir in den Wald, in die Heidelbeeren. Wir konnten nach Herzenslust essen, jedes Kind hatte ein Eimerchen, das gefüllt zum Einkochen abgegeben werden sollte, damit die Kinder im Winter auch etwas davon hatten. Wir waren alle barfuß, die Schuhe waren nach der Ankunft weggeschlossen worden, um sie zu schonen (1947!). Gut erholt und aufgepäppelt ging es am Ferienende wieder nach Frankfurt. Bei der Nonne, die unsere Gruppe betreute, habe ich Lieder gelernt, die ich heute noch kann. Es war ein wunderschöner Sommer, an den ich gerne zurückdenke.“
Annemarie Weyer, Freiburg
Im Pfarrhaus und im Dorfladen
„In den Sommerferien fuhren wir in den 1960er-Jahren immer zu Verwandten nach Bayern. Die Tante hatte selbst sieben Kinder, machte uns aber immer ein Kinderzimmer frei. Weil wir sieben Kinder und zwei Eltern aber in drei Betten nicht genug Platz hatten, durften immer zwei Kinder im Pfarrhaus und zwei im Auto in der Garage schlafen. Im Pfarrhaus am Ende des Ganges. Der Pfarrer – ein Freiherr von – sagte: ‚Jesus hatte kein Badezimmer, also brauche ich auch keins.‘ Besonders spannend war es, wenn ich der Pfarrersköchin beim Geldzählen des Klingelbeutels helfen durfte. Das Schönste war aber immer, wenn ich die Tante vertreten durfte: Sie hatte einen kleinen Dorfladen, in dem es alles zu kaufen gab: frische Semmeln samt Leberkäs und gekühltem Bier, ebenso wie Schnürsenkel oder Schuhcreme, wie Seife und Mehl und Zucker. Alles ging nebeneinander – niemand kam da mit ‚Hygienevorschriften!‘ Eine Schifffahrt zum Kloster Weltenburg war immer das Highlight.“