„Wir stehen für eine handelnde Kirche“

09.08.2023 |

Die neue Caritasdirektorin Birgit Schaer über christliche Nächstenliebe im Kleinen und über die Aufgabe im Großen, eine lebenswerte und sozial gerechte Gesellschaft zu entwickeln.

Birgit Schaer rückt als Diözesan-Caritasdirektorin an die Spitze des Wohlfahrtsverbandes, als Ordinariatsrätin gehört sie überdies der Kurienkonferenz an, die Erzbischof Stephan Burger bei wichtigen Fragen mit Blick auf die Leitung des Erzbistums berät.
 
Ein wichtiger Wechsel steht an im Freiburger Diözesan-Caritasverband: Birgit Schaer rückt an die Stelle des langjährigen Caritasdirektors Thomas Herkert. Klaus Gaßner sprach mit der 49-jährigen aus Rötenbach im Hochschwarzwald über das, was sie nun anpacken muss.
 
Frau Schaer, Sie sind gelernte Krankenschwester, heute sitzen Sie auf einem Chefsessel weit weg von den Nöten der Patienten. Bereuen Sie das ab und zu?
 
Birgit Schaer: Also tatsächlich vermisse ich es zuweilen. Ich habe ja lange in der Sterbebegleitung in einer Sozialstation mit Tumorerkrankten gearbeitet, das war eine sehr intensive Arbeit im direkten Kontakt mit Menschen in schwierigen Lebenslagen. Das habe ich sehr, sehr gerne gemacht.
 
Wie wichtig ist Ihre Erfahrung als Krankenschwester im neuen Amt?
 
Ich glaube, dass es sehr hilfreich ist, sich im Laufe des Lebens dem Anderen zuzuwenden. Am Besten erfährt man das schon früh, wie sich das anfühlt. Und es ist besonders wichtig, Nächstenliebe zu üben – nicht auf dem Papier, sondern direkt. Sich selbst zurücknehmen und für den anderen da sein. Das ist wichtig, auch für meine jetzige Aufgabe.
 
Sie sind als Chefin eingebunden in einen großen Apparat, weit weg von der Empathie, die man im Pflegeberuf braucht …
 
… Empathie braucht es an jeder Stelle, davon bin ich überzeugt. Im Übrigen bin ich schon seit über 20 Jahren nicht mehr im Pflegeberuf und habe zwei Studienabschlüsse im Gepäck und auch deshalb andere, eher organisatorische Aufgaben wahrgenommen. Allerdings überlege ich mir auch heute immer wieder: Für wen mache ich das alles? Dabei ist der Beruf der Pflegefachkraft stets eine Vision, die ich ständig bei mir trage. Ich frage mich oft: Was bringt es für die Menschen, die Unterstützung brauchen, aber auch für die ehemaligen Kollegen, für andere soziale Berufe, was ich da gerade mache?
 
Die Caritas ist ein sehr großer Betrieb mit vielfältigen Zuständigkeiten und sehr vielen Beschäftigten. Was ist Ihr Leitmotiv, wenn Sie nun an die Spitze rücken?
 
Der Gedanke der Nächstenliebe ist mir persönlich wichtig. Dieses Motiv steht auch fest in der Grundkonzeption der Caritas, und das ist wichtig in einer Gesellschaft, die immer komplizierter wird, anstrengender und dichter. Wir müssen uns jeden Tag davon leiten lassen, was der Mensch in seiner Lebenswelt braucht. Dafür steht der Gedanke der Caritas, und damit sind wir immer auf dem richtigen Weg.
 
Nun steht in der Erzdiözese eine umfassende Reform ins Haus, die kirchliche Landkarte wird sich ändern, wird sich das auch auf die Caritas-Arbeit auswirken?
 
Das wird sich sicher auswirken, es ändern sich Strukturen, die eine lange Tradition haben. Noch sind die tatsächlichen Ausmaße unklar und es ist ein großer Gestaltungswille vorhanden. Wir werden uns noch mal die Frage stellen, wie Caritas vor Ort noch stärker als fester Teil der Kirche erlebbar sein kann. Wir haben einen großen Bereich von ehrenamtlich Engagierten, die sich einbringen, aber auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die täglich daran arbeiten, dass Caritas erfahrbarer Teil von Kirche ist. Das verschafft uns eine große Wahrnehmung. Wir haben schon jetzt Caritas-Orte, an denen Kirche erlebbar ist: in der Kinder- und Jugendhilfe, in den Pflegeheimen und Sozialstationen, in den Einrichtungen und Diensten für Menschen mit Behinderungen, bei den Beratungsdiensten. Es gilt, dies noch stärker sichtbarer zu machen als es schon ist.
 
Und wie wird man sichtbarer?
 
Wenn man etwas macht. Wenn man tatsächlich handelt. Caritas steht für eine handelnde Kirche!
 
Nun gibt es derzeit viele soziale Problemfelder, von psychisch schwer belasteten Kindern bis zur Unwucht der demografischen Entwicklung mit immer mehr pflegebedürftigen Menschen. Wo drückt der Schuh?
 
Der Schuh drückt gerade überall. Wie kann es uns gelingen, eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft für Kinder und Jugendliche zu schaffen; ein stabiles Umfeld für die Familien, die derzeit in vielen Unsicherheiten gefangen sind? Wie können wir älteren Menschen helfen, die nicht mehr überall die Unterstützung finden, die sie eigentlich brauchen? Dazu die Herausforderungen durch den Klimaschutz und die Folgen der Pandemie …
 
Erfordert diese Vielzahl an Aufgaben nicht grundlegendere Änderungen in der Gesellschaft?
 
Doch und dazu versuchen wir auch beizutragen. Wir sind ja auch eine Interessenvertretung, wir tauschen uns aus mit der Landespolitik und der Landesverwaltung, ich fungiere stets als Netzwerkerin. Als Wohlfahrtsverband wirken wir begleitend mit in der Landes- und Bundesgesetzgebung. In all diesen Bereichen können wir in Staat und Gesellschaft wirken und uns der Grundfrage stellen: Wie sieht eine lebenswerte, sozial gerechte Zukunft aus? Wie muss künftig ein Versorgungs- und Unterstützungssystem aussehen bei zurückgehenden Finanzen und bei geringer werdenden personalen Ressourcen? Da gilt es sich ehrlich zu machen.
 
Manches wird künftig nicht mehr gehen …
 
… das steht zu befürchten. Gesetze werden immer komplexer. Meine Sorge ist, dass wir darin Ansprüche formuliert haben, die wir kaum mehr erfüllen können, weil uns das Personal fehlt. Das kann dann auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.
 
Wie katholisch ist die Caritas?
 
Wir sind „der“ katholische Wohlfahrtsverband, das ist unser Leitbild.
 
Manche klagen, dass man unter dem Namen „katholisch“ nicht mehr gehört werde. Braucht die Kirche Reformen?
 
0 ja, natürlich, aber nicht nur die Kirche. Vieles muss sich ändern für eine lebenswerte Zukunft. Wir als Caritas stellen den Dienst am Menschen in den Mittelpunkt und fragen: Was benötigt der Mensch ganz konkret? Nur das ist es, was uns umtreibt.
 
Nun sitzen Sie auch in der Kurienkonferenz und beraten den Erzbischof in wichtigen Fragen bei der Leitung der Erzdiözese. Wie fühlen Sie sich dabei?
 
Es ist eine sehr anregende Tätigkeit, gemeinsam mit Verantwortungsträgern aus ganz anderen Bereichen und mit ganz anderem fachlichen Hintergrund unvoreingenommen zu diskutieren. Ich freue mich, meine Sicht als „Caritasinfluencerin“ einbringen zu können – im Übrigen zusammen mit zwei weiteren Frauen im 15-köpfigen Gremium.
 
Was hat Sie zuletzt in Ihrer Caritas-Arbeit begeistert?
 
Vergangenes Jahr habe ich ein Sommercamp vom Caritasverband Hochrhein besucht, in dem wir Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen durch den Flüchtlingsfonds der Erzdiözese gefördert haben. Ich fand es ganz großartig zu sehen, mit welcher Begeisterung die Kinder in den Ferien Deutsch gelernt haben. Und kurz vor Weihnachten besuchte ich eine unserer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen in Sigmaringen. Da habe ich gefühlt: Diese Kinder sind hier am richtigen Ort!
 
Frau Schaer, Sie haben selbst eine Familie, leiten ein großes Unternehmen, beraten den Erzbischof. Wie entspannen Sie?
 
Das mache ich sehr früh morgens. Ich stehe regelmäßig kurz vor fünf Uhr auf und gehe laufen. Da genieße ich es sehr, eine ganze Weile einfach an gar nichts zu denken.
 
Würden Sie gerne mal wieder einen Verband anlegen?
 
Ehrlich gesagt, ja. Ich überlege manchmal, ob es irgendwann ein Wochenende gibt, wo ich einmal Zeit finden könnte, wieder als Krankenschwester mitzuhelfen.