Tag 4: Buen camino! Ein Pilgertag auf dem Jakobsweg in Spanien
31.07.2023 |
Statt morgens rein in den Bus und die Augen nochmal schließen, heißt es in aller Frühe die Schuhe schnüren und den Rucksack schultern. Etwa 25 Kilometer sind es von Pamplona nach Puente la Reina auf dem Jakobsweg. Wir begehen den Tag gemeinsam und doch jeder in seinem eigenen Tempo.
Frühmorgens beginnen wir unseren Pilgertag und brechen in Pamplona auf - die Straßen der Stadt sind noch menschenleer.
Um kurz vor 6 Uhr klingelt der erste Wecker. Draußen ist es noch dunkel. Drinnen werden Baguettes belegt, Aprikosen gefrühstückt, Zähne geputzt. Eine gute halbe Stunde später verlassen wir die Pilgerherberge in Pamplona und beginnen unseren Weg durch die Stadt.
Zwischen den menschenleeren Gassen ziert ein zartes rosa den morgendlichen Himmel. Wir laufen durch die Innenstadt, durch Wohngebiete, an einem Park entlang, überqueren einen Zebrastreifen und sehen schließlich zum ersten Mal an diesem Morgen die Berge direkt vor uns liegen.
Manch einer läuft für sich allein, andere zu zweit oder in einer kleinen Gruppe. Die einen mit schnellen Schritten, andere teilen sich schon zu Beginn ihre Kräfte ein. Nur wenige sind schon einmal gepilgert, viele haben Respekt vor dem Tag. „Macht euch nicht verrückt. Ihr werdet ankommen und so wie ihr ankommt, ist es gut“, hat uns der Priester und Leiter der Diözesanstelle „Berufe der Kirche“ Julian Donner bereits am Vorabend mit auf den Weg gegeben.
Der Morgen ist angenehm kühl. Die Sonne geht auf und lässt die gelben Felder Spaniens leuchten. Unser erster Zwischenstopp, eine Johanniterkirche, kommt überraschend schnell in Sicht. Wir rasten und haben Glück: Eine ältere Dame sperrt für uns die Kirche auf und drückt uns einen Stempel in unsere Pilgerausweise. Auch heute hat das Team Morgengebet einen Impuls für uns vorbereitet. Danach geht es weiter, jeder und jede mit unterschiedlichen Gefühlen in Bezug auf den Tag:
„Ich bin sehr gespannt auf das Pilgern, weil ich das zuvor noch nie gemacht habe und freue mich jetzt darauf. Es ist schon eine lange Strecke, die wir zurücklegen werden, aber gerade das finde ich spannend.“ – Alisa, Teilnehmerin an der Pilgerreise
„Am Morgen wollte ich am liebsten noch weiterschlafen, denn ich bin gestern erst spät eingeschlafen. Aber eigentlich hatte ich viel Hoffnung. Ich wollte laufen, anfangen, war sehr neugierig. Am Anfang war ich auch ein bisschen verwirrt: Warum mache ich das eigentlich? Aber als ich angefangen habe, habe ich gemerkt, ich mag das. Das war schön und ich habe das Gefühl, das wird später eine besondere Zeit mit Gott, eine wichtige Zeit.“ – Vania Vilchis Cordero, Teilnehmerin an der Pilgerreise
Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass wir uns alle zusammen erst in vielen Stunden wiedersehen werden. Das Tempo ist doch sehr unterschiedlich, die Hinteren haben die Vorderen schnell aus den Augen verloren und umgekehrt. Ich laufe für mich allein. Ein seltener Moment seit Beginn dieser Reise, aber auch in den vollgepackten letzten Wochen. Mal komme ich schnell voran, mal habe ich das Gefühl, die Zeit scheint still zu stehen.
Die unbekannte Landschaft motiviert mich: Hinter jeder Kurve wartet ein neuer Ausblick. An einem kleinen Kreuz mit bunten Bändchen neben zwei Bänken bittet mich ein Mann, ihn zu fotografieren. Unabhängig voneinander laufen wir weiter. Auf dem Gipfel des Alto del Perdon – dem Berg der Vergebung, höchster Punkt unserer Wanderung – treffen wir uns wieder.
Als wir Pamplona verlassen, erstreckt sich uns ein erster Blick auf die Berge.
Was für ein Anblick: Die Morgensonne lässt die Felder erstrahlen.
Recht am Anfang der Wegstrecke säumen Sonnenblumenfelder den Jakobsweg. Andere Pilgerinnen und Pilger haben ihnen Gesichter gegeben.
Das Symbol der Jakobsmuschel leitet uns den Weg.
Hinter jeder Kurve verbirgt sich ein neuer Ausblick, eine neue Perspektive.
Wer den Alto del Perdon erklimmt, den erwartet dieser Ausblick auf die andere Seite des Berges.
Bald haben wir es geschafft, doch die Sonne macht es uns am Nachmittag nicht einfach.
Unverhofft treffe ich weitere bekannte Gesichter aus unserer Gruppe. Wir sitzen in der Sonne, richten den Blick auf die andere Seite des Berges – auf den Weg, der noch vor uns liegt – und essen unser Proviant. Als die anderen weiterziehen, bleibe ich noch ein wenig. Nach einiger Zeit treffen auch die letzten beiden auf dem Gipfel ein. Wir beschließen, den weiteren Weg gemeinsam zu bestreiten.
Der Abstieg ist steinig. Wir blicken viel zu Boden, setzen unsere Schritte mit Bedacht. Wir sind froh, als der Weg weniger steil wird und spüren langsam, dass wir schon einige Stunden unterwegs sind. Einer Weggefährtin wird der Rucksack zu schwer, sie trägt ihn mal vorne, mal unter den Armen, um etwas Abwechslung reinzubringen. Wir laufen. Wir reden. Wir schwitzen in der Sonne, die inzwischen wieder in aller Pracht vom Himmel strahlt.
Die ersten Pilgerinnen und Pilger sind bereits angekommen – vielleicht auch längst. Wir laufen einfach weiter mit dem Gedanken „so wie es ist, ist es gut“. Weil wir zur Toilette müssen, legen wir eine Pause bei einer Pilgerherberge ein. Dort gibt es hausgemachten Kuchen und Souvenirs. Eine Karte, die den Jakobsweg mit seinen vielen Etappen zeigt, hat es uns angetan. Uns erscheint unser heutiger Weg lang und doch ist er nur ein ganz kleiner Teil vom Ganzen.
Nach der Puente la Reina sind es nur noch wenige Meter bis zur Pilgerherberge - allerdings geht es nochmal steil bergauf.
Gestärkt geht es weiter. Diese letzte Etappe zehrt ganz besonders an unseren Kräften. Mir setzt vor allem die Hitze zu. Schatten gibt es kaum. Es ist gut, dass wir gemeinsam unterwegs sind, sonst wäre jede von uns einmal falsch abgebogen. Schließlich geht es immer bergab, unser Ziel Puente la Reina rückt in greifbare Nähe. Doch wir müssen noch durch den ganzen Ort – unsere Herberge liegt auf der anderen Seite. Der steile Anstieg hinauf erfordert die letzten Kräfte. Dann sind wir da, werden mit Applaus empfangen. Jede und jeder von uns ist angekommen.
„Ich fand das gut, dass jeder für sich gucken konnte, was für ihn gerade das Richtige ist und dementsprechend zu laufen. Es war gut, zu spüren, was man selbst leisten kann, wenn man so unterwegs ist – vor allem nach den Bus-Tagen.“ – Judith, Teilnehmerin an der Pilgerreise
Auch für das Ehepaar Florian und Jule Wiedmann hat sich der Weg gelohnt (auf Wunsch ohne Foto):
„Was ich sehr schön fand, war die weitläufige Landschaft hier zu sehen. Nordspanien zu entdecken, wie man es eigentlich nicht kennt – sonst ist man ja eher an Stränden und Badeorten unterwegs. Und dabei auch eine besondere Zeit zu zweit zu haben: Wir sind sehr viel zusammengelaufen, haben tiefe Gespräche geführt, die gerade in den letzten Tagen nicht so Raum gefunden haben." - Florian Wiedmann, Teilnehmer an der Pilgerreise
„Für mich war es zudem schön, zu merken, wie ich mich stellenweise wie in eine Trance gelaufen habe. Das hat meine Gedankengänge nochmal tiefgreifender angeregt.“ - Jule Wiedmann, Teilnehmerin an der Pilgerreise
Eine kleine Zusammenfassung des Pilgertags gibt es auch als Reel bei Instagram – gerne vorbeischauen.
Glücksmomente des Tages: Ausblick auf Felder und Berge. Mittagsvesper auf dem Gipfel des Alto del Perdon (Berg der Vergebung). Ein Stück Karottenkuchen mit einer Weggefährtin teilen.