Wie zeitgemäß sind Reliquien? Auf der Insel Reichenau schreiben Gläubige ihre Bitten auf und werfen sie zum Schrein des Evangelisten Markus.
Lukas Hafner zeigt eine der Postkarten, die man mit einem privaten Anliegen beschriften und dann zum vergoldeten Schrein legen kann.
Als Lukas Hafner sein Amt am Markusmünster auf der Reichenau antrat, herrschte Totenstille unter den romanischen Bögen. Das war im Jahre des Herrn 2020, und die Corona-Pandemie hatte auch die Insel Reichenau – für die Mönche damals die „Insel der Seligen“ – fest im Griff. Nichts ging. Dann hatte der junge Mesner eine zündende Idee: Mit wenigen Handgriffen belebte der Katholik ein Ritual, in dem Gebet und Fürbitte auf greifbare Art zusammenfließen: Die Besucher des Münsters können sich eine bereitliegende Karte nehmen und dort einen persönlichen Wunsch notieren. Die ausgefüllte Karte werfen sie dann in den Hohlraum, der unter dem Markusaltar vorhanden ist. Dort mischt sich jede Botschaft mit Hunderten von anderen Karten. Hunderte von Bitten, die zum Himmel steigen.
Bisher haben mehr als 1700 Menschen ihr Anliegen auf die qualitätvollen kleinen Papierbögen geschrieben und dann in den himmlischen „Briefkasten“ geworfen. Dort liegen sie prominent, nämlich verteilt um den kostbaren Schrein, der – so will es die Überlieferung – die Reliquien des Evangelisten Markus enthält. Der 28-jährige Hafner hätte nicht mit dieser überwältigenden Resonanz gerechnet. Hilfreich war wohl, dass auf der vorbereiteten Karte eine Formulierungshilfe gedruckt ist. „Heiliger Markus, auf deine Fürsprache bei Gott bitte ich dich …“ steht dort, die Lesenden müssen es nurmehr fortführen und ihr eigenes Anliegen niederschreiben.
Kleine Karte, große Wünsche – so sieht die „Post an Markus“ aus.
„Manches Mal muss man etwas Neues versuchen“, sagt der Mesner zu diesem berührenden Experiment. Was diese Aktion tatsächlich ungewöhnlich macht, ist der Urheber: Hafner sieht sich nicht nur für die hausmeisterlichen Dienste und die Vorbereitung der Messfeier zuständig – im Fall der Markuskarten wirkt er als Seelsorger, der einfach ausprobiert. Das ist auf der sehr von Traditionen geprägten Insel, wo am besten alles so bleiben soll, wie es scheinbar immer war, nicht selbstverständlich. Doch Hafner machte es einfach und seine Familie unterstützte ihn. Die drei Benediktiner, die für die Seelsorge verantwortlich sind, waren dankbar für die Idee.
„Manches Mal muss man etwas Neues versuchen“
Dabei war ihm als gebürtigem Reichenauer klar, dass er lediglich vorhandene Elemente aufgreift und zusammenführen wird. Fürbitt-Bücher, in denen private Anliegen zur Sprache kommen, liegen in vielen katholischen Kirchen aus. Lukas Hafner nimmt diesen Gedanken auf, doch arbeitet er mit beweglichen Karten, die leicht zu beschriften sind. Später wirft man sie in den Schrein. „Das war mit Abstand die beste Idee“, sagt er mit einem gewissen Hintersinn – Corona lässt grüßen.
Auf der Insel Reichenau ist manches anders als auf dem Festland. Zum Anderssein gehören drei spezielle Feiertage, die mit Pracht gehalten und gefeiert werden. Einer davon ist das Markusfest am 25. April. An diesem Tag, so wünscht es sich der Mesner, werden zehn willkürlich herausgefischte Botschaften im Gottesdienst vorgelesen. „Das sind teils tiefgründige, bewegende Aussagen“, sagt er. Später wird der ganze Haufen, der sich übers Jahr sammelte, verbrannt. „Die Wünsche und Nöte werden zum Himmel steigen“, sagt der Mesner. Und – praktisch gedacht – es gibt dann Platz für neue Mitteilungen. Dann ist der Hohlraum um den Schrein leer und neue Karten können eingeworfen werden.
Lukas Hafner findet das nicht ungewöhnlich. Er ist auf der Insel mit ihrer starken religiösen Tradition großgeworden. Er diente als Ministrant, später rückte er zum Oberministranten auf. Als die Mesner-Stelle (50 Prozent) am Münster ausgeschrieben wurde, meldete er sich. Wenn er sich nicht um Kerzen und Reliquien kümmert, arbeitet er im Ortsbauamt der Gemeinde Reichenau als seinem Haupt- und Brotberuf.
Der Schrein mit den Reliquien des Kirchenpatrons steht seit Jahrhunderten im Münster von Mittelzell – der größten der drei Kirchen in der Mitte der Insel (deshalb auch Mittelzell). Der Schrein lagert unter dem Markusaltar, der in dem mächtigen Westwerk des Münsters einsam steht und fast eine Kirche in der Kirche darstellt. Da dieses Westwerk mit der beeindruckenden Jahreszahl 1048 nahezu kahl ist, wirkt der wie ein Monolith stehende Markusaltar umso stärker. Er beherrscht das Westwerk, die Blicke der Eintretenden werden fast automatisch auf den grauen Stein mit den Stufen gelenkt.
Blick zum Markusschrein, um den herum sich die Karten sammeln. In der Mitte das Faksimile eines Evangeliars. Der Schrein ruht unter dem Markusaltar.
Wie fast alles auf der alten Klosterinsel, hat auch die Verehrung des Evangelisten eine verwickelte Vorgeschichte, die durchaus ihre Lücken aufweist. Im Jahr 830 brachte Bischof Radolt von Verona, ein Alemanne, Reliquien aus Italien an den Bodensee. Radolt wiederum hat eine eigene und für den Bodensee prägende Lebensgeschichte. Denn er gründete eine Cella am westlichen Ufer des Bodensees, nachdem er erkennen musste, dass er trotz seines bischöflichen Titels nicht wirklich auf der Klosterinsel landen konnte – offenbar war die Rückkehr hoher kirchlicher Würdenträger in die alemannische Heimat schon damals eine Herausforderung. Radolt handelte schnell, er entschied sich für das Festland und gründete am gegenüberliegenden Ufer ein kleines Kloster – die Zelle des Radolt. Daraus wuchs das heutige Radolfzell; der Ortsname bewahrt Namen und Absicht des Gründers bis heute.
Die Sammlung dieses Mannes enthielt einen besonderen Schatz – einige Knochen des Evangelisten Markus. Der Reichenauer Abt Erlebald (regierte von 823 bis 838) erweiterte eigens dafür die Kirche der Abtei um ein Westquerhaus. In diesem ungewöhnlichen Bau wurde der Markusaltar aufgebaut und der entsprechende Schrein integriert. Schließlich sollten die Reliquien, die von den Venezianern wiederum in Alexandria erworben waren, würdig untergebracht werden.
Lukas Hafner hat indes wenig Zeit zum Verweilen und Betrachten. Für 2024 steht ein großes Jubiläum vor der Tür: Dann werden 1300 Jahre verflossen sein, dass der Missionar Pirmin seine Füße erstmals auf den Boden der Insel setzte und damit alles in Gang brachte. Die Insel wird diesen Beginn im kommenden Jahr groß feiern, Landesausstellung inklusive. Auch das Marien- und Markusmünster wird sein Gesicht etwas verändern. Die Schatzkammer im Chor des Münsters wird derzeit renoviert und neu aufgebaut. Zum runden Jubiläum werden die Preziosen frisch präsentiert und mit neuen Texten versehen, um die rätselhafte Welt der frühen Jahre besser zu erklären.