Sie war ein starke Frau inmitten großer Umbrüche: Maria-Anna von Hornstein-Göffingen, die letzte Fürstäbtissin von Säckingen, wäre dieses Jahr 300 Jahre alt geworden.
8333 Gulden stand unterm Strich auf der Rechnung. Das bedeutete damals, 1764, eine gewaltige Summe. Ausgegeben wurde das Geld für einen silbernen Schrein, der die Gebeine des heiligen Fridolin aufnahm. Empfänger der Rechnung war das Damenstift Säckingen mit seiner Fürstäbtissin Maria-Anna von Hornstein-Göffingen an der Spitze. Allerdings überstieg die Summe den ursprünglich vereinbarten Preis um fast das doppelte – Maria-Anna steuerte den Fehlbetrag aus ihrem Privatvermögen bei. Und so hat sie ein Werk hinterlassen, das bis heute im Fridolinsmünster zu sehen ist.
Der kostbare Silberschrein mit den Gebeinen des heiligen Fridolin.
Der Schrein ist Teil des Vermächtnisses einer Frau, die vor 300 Jahren, am 2. Juli 1723, in Göffingen (im heutigen Landkreis Biberach) geboren wurde und in ihrem Leben viele Umbrüche und Wandlungen erlebte, bis hin zur Auflösung ihres Stiftes, dessen letzte Fürstäbtissin sie war.
Eine reformfreudige Äbtissin
Maria-Anna von Hornstein-Göffingen stammte aus einer freiherrlichen Familie. Bereits als sie sieben Jahre alt war stand fest, dass sie nach Säckingen gehen würde, mit 25 wurde sie dort Stiftsdame. Das Damenstift war eine geistliche Gemeinschaft, allerdings kein Kloster, auch wenn die Bewohnerinnen hier die Gelübde der Keuschheit und des Gehorsams (aber nicht der Armut) ablegten. Es ähnelte eher einer „Wohngemeinschaft“ von adeligen Damen, die ihren Besitz selbst verwalteten. Ebenso brachte die lange Historie des Stiftes es immer wieder in Berührung mit dem Hause Habsburg – noch ehe dieses Kaiser und Könige stellte. Eine Tatsache, die später noch bedeutsam werden sollte.
Eines der wenigen Porträts der Fürstabtissin Maria-Anna von Hornstein-Göffingen, die am 2. Juli 300 Jahre alt geworden wäre.
„Maria-Anna war eine reformfreudige Äbtissin“, charakterisiert Maria Würfel, Autorin eines Sammelbandes über „Starke Frauen“ aus Oberschwaben, Maria-Anna. „Sie ist mein Liebling. Denn sie war eine Allrounderin. Sie konnte alles: bauen, verwalten, Kunst, Wirtschaft. Nur das Militärische war ihr fremd“, sagt sie.
In den insgesamt mehr als 50 Jahren, die Maria-Anna amtierte, krempelte die Äbtissin das Säckinger Stift um: Sie veranlasste Neuerungen in der Organisation der Landwirtschaft, reformierte die Verwaltung und lag immer wieder auch im Clinch mit der Stadt Säckingen über Wald- und Fischereirechte.
Auseinandersetzung mit einem mächtigen Gegner
Ihre größte Auseinandersetzung aber führte sie mit einem weit mächtigeren Gegner: Kaiser Joseph II. Säckingen lag in Vorderösterreich, der Landesherr residierte in Wien und er blickte, dem Denken der Aufklärung verpflichtet, skeptisch auf Klöster und Stifte. Für Säckingen war bestimmt worden, dass es als geistliche Einrichtung mit Selbstverwaltung geschlossen werden sollte. Boten brachten den Befehl dazu an den Hochrhein – erreichten aber Maria-Anna nicht, weil sie rechtzeitig davon erfahren hatte und sich in die entgegengesetzte Richtung zurückgezog: Sie reiste nach Wien, um mit dem Kaiser persönlich zu sprechen. In den Treffen schaffte sie den Spagat, sich einerseits als kaisertreue Reichsfürstin zu präsentieren, andererseits Joseph II. klar zu machen, dass die Macht seiner Familie auch dem Stift zu verdanken war: hatte dieses den Habsburgern doch einige Jahrhunderte zuvor verschiedene Lehen gegeben.
Der Kaiser hob schließlich die Verordnung auf, Maria-Anna kehrte mit Triumph ins Stift zurück. Sie konnte aber das Ende nur aufschieben, nicht abwenden. 1806 verleibte sich das Großherzogtum Baden das Stift ein. Maria-Anna lebte danach noch drei Jahre unweit des Fridolinsmünsters – immerhin nahe an dem Schrein, der sie bis heute überdauert hat.
Von Thomas Arzner
Ausstellung:
Ein tolles Ausstellungsstück: der Schreibtisch der Fürstäbtissin.
Mehr als 50 Jahre war Maria-Anna von Hornstein-Göffingen Fürstäbtissin in Säckingen. Zu ihrem 300. Geburtstag ist im Hochrheinmuseum Schloss Schönau eine sehenswerte Ausstellung zu sehen (Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag, 14 bis 17 Uhr). Der Stadtarchivarin Eveline Klein ist es gelungen, aussagekräftige Gemälde und Exponate ausfindig zu machen. Wie beispielsweise ein ganz persönlicher Gegenstand von Maria-Anna zu sehen: ihr zierlicher Schreibtisch.
Tipps:
Das Leben der Maria-Anna von Hornstein-Göffingen hat die Journalistin Sandhya Hasswani in einen Roman gefasst: „Die letzte Äbtissin – Ihr bewegtes Leben in Säckingen“ ist 2022 im Verlag reinhardt erschienen, 544 Seiten für 19,80 Euro.
Maria Würfel, „Starke Frauen. Oberschwäbische Äbtissinnen zwischen Reformation und Säkularisation“, Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher, 2020, 160 Seiten mit 67 farbigen Abbildungen, 20 Euro.