Liebenswert stur

31.05.2023 |

Heike Springhart kann „Preacher-Slam“ und Vorlesung. Und sie ist überzeugt: „Kirche muss für die Menschen da sein.“ Am 17. Dezember 2021 von der Landessynode gewählt, ist sie die erste Frau im Bischofsamt der badischen Landeskirche – fast genau 50 Jahre, nachdem mit Hilde Bitz die erste Frau ins Pfarramt eingeführt worden war. Beim Besuch in der Konradsblatt-Redaktion spricht sie über neue Räume für den Glauben, das weibliche Gesicht der Kirche und ihre Freude am Experimentieren.

Im ersten Amtsjahr war sie viel auf Achse: Die neue Landesbischöfin absolvierte Besuchsreisen durch die Dekanate, Begegnungen mit der Politik, Auftritte bei der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe. Hier sitzt Heike Springhart mit der Konradsblatt-Redaktion zusammen.
 
Seit gut einem Jahr haben rund 1,1 Millionen evangelische Christinnen und Christen in Baden eine Bischöfin: die zuletzt in Pforzheim tätige Pfarrerin und mehrfach ausgezeichnete, habilitierte Theologin Heike Springhart. Zwei Wortschöpfungen aus ihrer Vorstellung vor der Synode sind jetzt schon Klassiker: „hoffnungsstur und glaubensheiter“, das sagt die evangelische Bischöfin Heike Springhart von sich selbst. Außerdem wortgewaltig – das finden andere. Tatsächlich spannt sich der Bogen ihrer Berufserfahrung vom (Frauen-) „Preacher-Slam“ bis zur Habilitation über den Tod.
 
Heute sitzt sie zum Kaffee mit der Konradsblatt-Redaktion zusammen. Und wird gebeten, ein kleines Resümee zu ziehen, über Höhen und Tiefen des ersten Jahres im Bischofsamt. „Klein!“, bekräftigt Heike Springhart lachend. Denn „kurz“ zu bilanzieren, dürfte schwierig werden bei der Fülle von Ereignissen, die der ersten Bischöfin Badens nach ihrer Amtseinführung ins Haus standen: Besuchsreisen durch die Dekanate, erste Sondierungen der Abläufe im neuen Büro und Begegnungen mit der Politik. Jenes stramme Programm, das jedem und jeder Neuen bei Antritt eines so gewichtigen Amtes ins Haus steht.
 
Damit nicht genug, auch „die Vollversammlung“ stand vor der Tür, der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) versammelte sich in Karlsruhe. „Das war natürlich eine große Herausforderung“, sagt Heike Springhart. „Aber auch ein Highlight und eine Riesenchance: für die Stadt Karlsruhe, für die Landeskirche, für mich natürlich auch …“ Kaum im Bischofsamt, so empfand sie es, galt es hier „staats- und kirchentragend“ Stellung zu beziehen zu den bekannten „heißen Themen“ des Jahres: Krieg in der Ukraine, Resolution zur Situation im Heiligen Land, Klimawandel, Aussichten der Ökumene ... Sehr genossen habe sie natürlich, beim badischen ÖRK-Treffen viele Kolleginnen und Kollegen aus anderen Weltgegenden kennenlernen zu können. „Wenn ich international unterwegs bin, heißt es jetzt oft: Jaja, wir kennen Sie, haben Sie doch in Karlsruhe gesehen!“ 
 
Zur Person
Prof. Dr. Heike Springhart (Jahrgang 1975) ist habilitierte Theologin. Von 2010 bis 2019 war sie Studienleiterin am Theologischen Studienhaus Heidelberg. In dieser Zeit siegte sie beim ersten (Frauen-)„Preacher Slam“ in Baden, eine Form des spielerischen Umgangs mit Sprache in der Predigt (Zitat: „ein Mittelweg zwischen Poesie und Kabarett“). Springhart lehrte an den Universitäten Bochum, Heidelberg und Zürich. 2013 und 2014 war sie Gastwissenschaftlerin an der University of Chicago (USA). Ihre Promotion erforschte den „Beitrag von Religion und Kirche für Demokratisierung und Reeducation im Westen Deutschlands nach 1945“. Der Titel ihrer Habilitation lautet: „Der verwundbare Mensch: Sterben, Tod und Endlichkeit im Horizont einer realistischen Anthropologie“ (2015). Seit ihrer Wahl am 17. Dezember 2021 zur Bischöfin der Evangelischen Landeskirche Baden (ekiba) lebt Heike Springhart in Karlsruhe.
 
Geboren 1975 in Basel, wuchs Heike Springhart auf in der Schwarzwald-Gemeinde Böllen: „die kleinste selbstständige Gemeinde in Baden-Württemberg mit 100 Einwohnern“, eine sehr katholische Gegend. „In unserem Dorf waren wir die einzigen Protestanten“, beschreibt sie ihre Familiengeschichte. Geografisch betrachtet, liegt ihre Heimat im Grenzbezirk zwischen Vorderösterreich und Baden – historisch somit an einer Konfessionsgrenze. Obwohl in der protestantischen Diaspora, sei sie daheim nicht besonders religiös aufgewachsen: „Bei uns zu Hause wurde weder gebetet noch in Kinderbibeln gelesen.“ Gegen ihren Wunsch, zur Jungschar zu gehen, hatten die Eltern aber nichts: „Da wurde ich bereitwillig hingefahren“.
 
Sie besuchte die Schule in Schönau, und erinnert sich lebhaft daran, dass die katholischen Klassenkameraden „völlig selbstverständlich jede Woche zur Beichte gingen“. Verhältnisse, die wie aus der Zeit gefallen anmuten. „Keine Frage, heute sind wir in herausfordernden Gewässern unterwegs“, sagt die Landesbischöfin, „und zwar mit der Frage: Wie stellen wir uns auf, um zukunftsfähig Landeskirche zu sein und zu bleiben.“ Der Rückgang der Gottesdienstbesuche und steigende Austrittszahlen zwingen auch die evangelische Kirche durch die Mühen der Ebene. Mit Blick auf die Gemeinden empfinde sie deutlich „eine gewisse Spannung“, so Springhart, denn dort sei die Situation sehr unterschiedlich. „Eigentlich bräuchten wir viel mehr Möglichkeiten, um experimentell, innovativ, agil Kirche sein zu können“, sagt sie. Ähnlich wie während des Lockdowns in der frühen Phase der Corona-Pandemie, würden vielerorts neue Formen für Begegnung und Gottesdienst erprobt. Das sei erfreulich und zu begrüßen, überhaupt: eine „beweglichere“ Kirche, die „hinausgeht“, neue Projekte wagt, dann aber auch so frei sei, diese wieder zu lassen; die andere Orte erschließt und diese auch stärker „an den ästhetischen Bedürfnissen und Geschmäckern der Leute von Heute“ ausrichtet. Die noch deutlicher „digital und mit Bewegtbild unterwegs ist“. Dies alles sei „nicht irrsinnig revolutionär“, so Springhart, „erhöht aber die Spannbreite von Kirche“. 
 
Sie wünscht sich eine „beweglichere“ Kirche, die „hinausgeht“ und dem Glauben neue Räume erschließt: Heike Springhart, Landesbischöfin in Baden.
In der „Logik der Organisation“ ihrer Kirche sind Beweglichkeit und Freude am Experiment allerdings nicht eingepreist; eine „agile“ Kirche fügt sich auch nicht gut ein in den „protestantisch komplexen Aufbau der Gremien“, wie die Bischöfin das beschreibt. Wobei sie es durchaus für sinnvoll halte, dass Entscheidungen zunächst durch die Ältenstenkreise und durch die Stadtsynode sowie die Landessynode gehen, so Springhart.
 
Heike Springhart nimmt auch die Kritiker ernst, die mahnenden Stimmen, die sich bei ihr melden: „Vergesst die Alten nicht, die hier jahre- und jahrzehntelang die Kirche getragen haben und jetzt abgemeldet sind!“ Für die Bischöfin eine klare Sache: „Es kann nicht sein, dass bei dem, was wir tun, der Eindruck aufkommt, jetzt seien eben ,die Jungen‘ am Zuge, und die Älteren würden vergessen ...“
 
Also: Genau hinschauen und überlegen, wo sich Gutes weiterführen und wo Neues entdecken lässt. Aber auch, wo Altes aufgegeben werden muss. In diese Richtung läuft „ekiba 2032 – Kirche. Zukunft. Gestalten“, der Strategieprozess der Evangelischen Landeskirche in Baden. Die Gründe für die Reform sind bei den Protestanten vergleichbar mit denen katholischerseits beim Projekt „Kirchenentwicklung 2030“ im Erzbistum Freiburg: Rückgang der Kirchenmitglieder (und Kirchensteuereinnahmen), Überalterung in den Gemeinden und Personalnot in der Seelsorge. Und die leidige Debatte über die Gebäudenutzung – oder Abreißen und Veräußern. Was lässt sich noch halten, was nicht mehr?
 
Leidet die Spitzenprotestantin manchmal an der Ökumene, weil die Kirchen in der Öffentlichkeit häufig gemeinsam wahrgenommen werden? Nach Veröffentlichung der Freiburger Missbrauchsstudie zu sexualisierter Gewalt im Erzbistum sei tatsächlich häufiger die Frage an sie herangetragen worden, „ob wir uns nicht deutlicher von der katholischen Kirche abgrenzen müssen“, berichtet die Landesbischöfin. „Meine Haltung dazu ist klar: Wir haben keinen Grund, uns irgendwie ,abzugrenzen‘. Weil wir bei uns aufarbeiten müssen.“ Die Zahlen seien andere, aber nicht entscheidend. Leiden an der Ökumene? „Im Gegenteil: Hier in Baden besteht zwischen den Kirchen ein enges Vertrauensverhältnis.“ Sie habe „hohe Achtung“ vor dem Umgang mit der Situation im Erzbistum Freiburg, „um die ich meinen Kollegen nicht beneide“, so die Bischöfin. Der gute Kontakt erleichtere den Austausch. „Wir haben eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe: diesen Skandal, dass in unseren Kirchen sexualisierte Gewalt geschieht, schonungslos aufzuarbeiten.“ 
 
Schnelle Frage, kurze Antwort
Landesbischöfin Heike Springhart hat sich einem der härtesten Frageformate im kirchlichen Journalismus gestellt; der Konradsblatt-Schnellfragerunde. Hier sind ihre Antworten: 
 
 
Neubau ist schöner als Rückbau, Aufbruch leichter als Rückzug: Ein Strukturwandel kostet Energie, die in der Seelsorge vor Ort fehlt. Angesichts der Weltlage sieht Springhart die Gefahr, „aus dem Krisenmodus nicht mehr herauszukommen“. Gerade deshalb müsse sich die Kirche darauf besinnen, was ihr Auftrag, ihre Botschaft sei. Wenn sich die Bischöfin äußert, ruft sie dazu auf, das Kerngeschäft von Kirche im Auge zu behalten: „Lasst uns nicht vergessen, in welchem weiteren Horizont wir unterwegs sind.“ Es gehe nicht darum, die Herausforderungen schönzureden, aber den Fokus auf die Aufgabe von Kirche zu richten: „Wir sind in die Welt gesandt und haben dort etwas zu sagen. Und dafür zu sorgen, dass Menschen getröstet werden.“ Davon abgesehen: „Kirche war nie in gemütlichen Zeiten unterwegs.“ 
 
Und der Nachwuchsmangel? Bei den Katholiken fehlen vor allem die Priester. „Auch wir haben zu wenig Studierende für die Stellen, die wir brauchen“, sagt die Bischöfin. Und im Studium dominieren inzwischen die Theologinnen: „Der Pfarrberuf entwickelt sich zu einem Frauenberuf.“ So erfreulich das „weibliche Gesicht“ der Kirche sei: „Das Ziel muss sein, dass Männer und Frauen gemeinsam unterwegs sind.“
 
Brigitte Böttner