Die Pfarreiräte der 36 künftigen Pfarreien sind gewählt. Damit wurde am vergangenen Wochenende ein weiterer bedeutender Schritt in Richtung der neuen kirchlichen Strukturen im Erzbistum Freiburg vollzogen.
Seltenheitswert hatten Szenen wie diese: In Rheinstetten-Neuburgweier öffnete das Wahllokal direkt nach dem gut besuchten Patroziniums-Festgottesdienst. So bildete sich eine lange Schlange von Wählerinnen und Wählern. Anschließend gab es in der benachbarten Festhalle noch ein gemeinsames Mittagessen.
In 231 Stimmbezirken zwischen Odenwald und Bodensee und zwischen Hohenzollern und der Rhein-ebene waren rund 1,3 Millionen Katholiken ab 16 Jahren zur Wahl aufgerufen. Die Wahlbeteiligung könnte nach ersten Schätzungen mit knapp über zehn Prozent etwas höher liegen als 2020. Vor fünfeinhalb Jahren nahmen 9,3 Prozent der Wahlberechtigten an den letzten Pfarrgemeinderatswahlen auf Ebene der Seelsorgeeinheiten teil. Damals konnte die Wahl wegen der Corona-Pandemie allerdings nur als Brief- und Online-Wahl stattfinden. Für die aktuelle Wahl hatten 1031 Frauen und Männer für insgesamt 771 Sitze in den Pfarreiräten kandidiert.
Die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler, nämlich 5,54 Prozent, nutzte die Möglichkeit der Online-Wahl. „Da haben wir gegenüber 2020 nicht nur die Prozentzahl, sondern auch die absolute Zahl geknackt“, stellt Martin Müller, der Geschäftsführer des Diözesanrats fest, bei dem die Fäden der Wahlen zusammenliefen. „Und das bei gleichzeitig 250 000 Wahlberechtigten weniger.“ Tatsächlich wählten aktuell 73 838 Personen digital. 2020 waren es 69 983 (4,48 Prozent). Die Briefwahl nutzen dieses Mal 1,36 Prozent der Wahlberechtigten, knapp drei Prozent bevorzugten die „klassische“ Präsenzwahl.
Eine genaue Analyse der Zahlen stand zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses dieser Ausgabe noch aus. Martin Müller zufolge war die Wahlbeteiligung unter anderem im Odenwald, am Hochrhein und in einzelnen Wahlgebieten am Bodensee und im dortigen Hinterland am höchsten. Die ländlich geprägte Kirchengemeinde an Main und Tauber verzeichnete beispielsweise 15,32 Prozent Wahlbeteiligung, eine Großstadt wie Karlsruhe lag mit 5,68 Prozent erwartungsgemäß niedriger. In Freiburg waren es 6,9, in Heidelberg 5,61, in Mannheim 5,45 Prozent. Positiv wertet Martin Müller aber die Tatsache, dass die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Pfarreiratswahlen wohl um einiges höher liegt als die durchschnittliche Zahl der Gottesdienstbesucher. „Von daher denke ich, dass die Kirche für manche Menschen schon noch mehr Bedeutung hat als das, was sie normalerweise nach außen hin zeigen“, so Müller. „Das ist eine wichtige Botschaft.“ Insofern sei es auch unter den veränderten Umständen gut, dass solche Wahlen stattfänden. „Es ist eine Art der Kontaktaufnahme mit allen Menschen, die zur katholischen Kirche gehören.“
Diejenigen, die wählen gingen, taten dies wohl größtenteils im Wissen um die Bedeutung des Pfarreirats. Das Gremium ist das zentrale Organ der künftigen Pfarrei, das gemeinsam mit dem Pfarrer als Pastoralrat und als Organ der Vermögensverwaltung Verantwortung für die kirchlichen Aufgaben trägt. Dazu gehören nach offizieller Lesart unter anderem die Festlegung der wichtigsten Ziele und Schwerpunkte in der Pfarrei, die Stärkung von Teams, Gruppen und Verbänden auch in ihrer Eigenständigkeit, die Vertretung der Kirche in Gesellschaft und Öffentlichkeit, die Beratung zu Personalentscheidungen sowie Verantwortung für Haushaltsplanung und Vermögensverwaltung. Die Aufzählung all dieser Punkte macht deutlich, wie groß die Verantwortung wie auch die Herausforderung für die künftigen Pfarreirätinnen und -räte sein wird.
Was freilich all denjenigen, die am vergangenen Wochenende in den vielen Wahllokalen vor Ort Dienst taten, ins Auge fiel, war die schwache Beteiligung jüngerer Menschen an den Pfarreiratswahlen. Das gilt nicht nur im Blick auf die unter 20-Jährigen, die zum ersten Mal eine Wahlbenachrichtigung erhielten, sondern im Grunde für die gesamte Altersgruppe unter 50 Jahren. Martin Müller verweist allerdings auch darauf, dass die absolute Zahl beispielsweise der wahlberechtigen Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren nicht sehr hoch ist. Sie liegt bei nur etwa 50 000 bis 60 000 Personen. Auf diesem Hintergrund sei die geringe Beteiligung der Jüngeren etwas zu relativieren.
„Schönreden“ möchte der Geschäftsführer des Diözesanrats die Pfarreiratswahlen auf keinen Fall. Aber unterm Strich zieht er doch ein positives Fazit und verweist dabei auch auf die interessante Tatsache, dass drei Viertel aller künftigen Pfarreirätinnen und -räte neu gewählt wurden. Nur ein Viertel war in der Vergangenheit auch schon in den bisherigen Pfarrgemeinden vertreten.
Uneingeschränkt positiv ist zudem das große Engagement vieler hundert Menschen zu werten, die vor Ort in den jeweiligen Stimmbezirken die Vorbereitung und Durchführung der Wahlen geschultert haben. „Mit hoher Motivation und Leistungsbereitschaft“ hätten die überwiegend ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese Aufgabe gemeistert, so Martin Müller.
Bis zum 1. Dezember 2025 müssen sich die neuen Pfarreiräte konstituieren. Im Laufe des Frühjahrs sollen dann auch örtliche Gemeindeteams gebildet werden, die sich um das kirchliche Leben im Nahbereich kümmern. Diese werden allerdings nicht gewählt, sondern berufen.