Wer getauft ist, ist auch berufen. In der Regel erschließt sich diese Berufung aber nicht unmittelbar und plötzlich, sondern nach und nach – so wie dies Helene von Heyl schildert.
Helene von Heyl war über Jahrzehnte hinweg ehrenamtlich in wichtigen Funktionen des Laienkatholizismus im Erzbistum Freiburg tätig, unter anderem als Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken.
Ich entstamme einer katholisch geprägten Familie, die seit Generationen Verantwortung übernommen hat für die Mitmenschen in Kirche und Gesellschaft. Ich hatte fünf jüngere Geschwister, vier Schwestern und einen Bruder. Mein Vater war gefallen, als ich elf Jahre alt war. Meine Mutter war also, wie so viele damals, eine alleinerziehende Frau. Sie hat sich im Laufe ihres Lebens von einer relativ unsicheren, ja fast schüchternen jungen Frau zu einer autonomen und selbstbewussten Person entwickelt.
Aber ich hatte auch eine Großmutter, die mich mitgenommen hat zu den Alten im Dorf. Ich spüre noch heute ihren festen Griff an meiner Hand, wenn ich zögerte, unappetitliche kleine Katen zu betreten. Die andere Großmutter hatte einen unerschütterlichen Humor und hat am Ende des Krieges couragiert und energisch unzähligen Flüchtlingen Nachtlager und Essen geboten. Die Lebenswege meiner Mutter und Großmutter haben mich sicher geprägt. Dies war sozusagen der Nährboden auf dem meine Berufung wachsen konnte.
In meinem Heimatdorf suchten am Kriegsende wegen dauerndem Artilleriebeschuss viele Familien in unserem riesigen Keller Zuflucht. Unendlich viele Kinder waren dabei, die ich in den Beschusspausen stundenlang beschäftigt habe mit allerlei Spielen und Basteleien, die ich immer in einer großen Tasche mit mir trug. Niemand hatte mich darum gebeten, ich war als Älteste einfach gewohnt, solche Dinge zu übernehmen. Im Internat, welches ich drei Jahre lang besucht habe, gab es viele Schweigestunden. Dort gingen mir wohl einige Lichter auf in Bezug auf meinen persönlichen Glauben. Ich betete damals oft aus mir heute noch unerfindlichen Gründen um „Weisheit“.
Wieder zuhause traf mich unerwartet der Ruf unseres Pfarrers: „Helene, Du könntest doch mal im Religionsunterricht aushelfen!“ Ein Ruf – kurz und herzhaft – und ich tat es. Da gab es kein „Bitte, würdest Du vielleicht, oder, überleg dir mal“, das war damals wohl nicht üblich.
Es galt Verantwortung zu übernehmen
Unsere Familie war verantwortlich für das Leben der Pfarrgemeinde. Jeder musste mithelfen, denn das Dorf war ganz evangelisch und hunderte von Flüchtlingen, die kamen, waren katholisch. Die Gemeinde wuchs und wuchs und der Gottesdienst konnte in der evangelischen Dorfkirche gefeiert werden. Es galt da zu sein für das Orgelspiel, den Gesang, den Blumenschmuck, um die Menschen zu begrüßen und zu verabschieden, also Verantwortung zu übernehmen. Nach meiner Ausbildung heiratete ich meinen evangelischen Mann und damit in eine von Herrenhut geprägte Schwiegerfamilie. Fast alle Familienmitglieder arbeiteten haupt- oder ehrenamtlich an verantwortlicher Stelle in ihrer Kirche und so hatten sie ein großes kirchliches und theologisches Wissen und Erfahrung. Das war ein bedeutender Schritt auf dem Weg meiner Berufungsgeschichte.
Ohne die ausgedehnten Gespräche und abendfüllenden Diskussionen, ohne das liebevolle, tolerante, aufmerksame und ernste Nachdenken mit Personen dieser Familie, wäre ich wohl kaum die bewusste Katholikin geworden, die ich heute bin. Diese Art von Gesprächen haben mein Mann und ich zeitlebens fortgesetzt. Die Berufungsgeschichte für das Ehefrausein, das Muttersein, das Schwiegermutter- und Großmuttersein, will ich hier nicht ausbreiten. Es ist eine Sache für sich, ein eigenes Thema.
Eine nächste deutliche Station auf dem Weg meiner Berufungsgeschichte war die eher lapidare Frage meines Lahrer Pfarrers, „ … ob ich mal auf eine Tagung für Frauen nach Bad Griesbach gehen könnte“. Weiter wusste ich nichts, aber das Thema interessierte mich. Also ging ich – und das war meine Berufung zur Katholischen Frauengemeinschaft (kfd). Es handelte sich nämlich um die Jahrestagung des damaligen „Müttervereins“. Alle Dekanatsverantwortlichen und Präsides waren versammelt und so langsam dämmerte es mir, was das bedeutete. Ich war gerade mal 28 Jahre alt und hatte drei kleine Kinder. Schon etwa im zweiten oder dritten Jahr der Jahrestagungen in Bad Griesbach sprach mich eines Morgens unser damaliger Präses Dietrich an: „Frau von Heyl, übernehmen Sie doch bitte heute die Lesung“. Die Aufbruchzeit des Konzils war noch sehr in den Anfängen, aber mein Widerspruch – hier säßen doch mindestens 40 Priester in der Kirche – nutzte nichts. Meine Knie waren ein wenig weich, aber meine Stimme blieb fest und so begann meine Berufung als Laie in der Kirche.
In jenen Tagen des Konzils und der Synode der deutschen Bistümer bekamen die Strömungen für die Situation der Laien in der Kirche einen wichtigen Schub. Alle Personen, die sich damals in den Dienst der Kirche stellten, haben den frischen Wind erlebt und mit großer Freude Kirche mitgestaltet. Eine fast beschämende Station auf dem Weg meiner Berufungsgeschichte als Laie: In der peruanischen Hauptstadt Lima bekam ich bei einem großen Pontifikalamt einen hohen Stuhl parallel zum Bischofssitz zugewiesen. So wichtig wurde ich dort als Repräsentantin der Laien aus der Diözese Freiburg genommen. Vor diesen Hintergründen kämpfte ich nach Kräften für die Rechte der Laien in der Kirche.
Meine Berufungsgeschichte, ausdrücklich auf der Seite der Frauen zu stehen und für ihre Rechte zu kämpfen, hat sicher eine Wurzel in meiner Familiengeschichte. Ich bin praktisch ohne männlichen Einfluss aufgewachsen. Außerdem bin ich im Laufe meiner verschiedenen Tätigkeiten, besonders in der kfd, so vielen liebenswerten und großartigen Frauen begegnet, dass ich dies als Herausforderung sah. Dazu kam die Begegnung mit den mutigen Frauen in Peru im Zusammenhang mit unserer Partnerschaft dort. Frauensolidarität, speziell von jüngeren Frauen, habe ich oft erfahren und dadurch auch den Mut bekommen, so manche heiße Eisen anzupacken.
Hier muss ich noch einmal zurückblenden um zwei bedeutende Stationen meiner Berufungsgeschichte zu beschreiben. Zum Ersten: In der Anfangszeit meines kfd-Mandates im Dekanat Lahr sprach eine Theologin über das Evangelium vom „reichen Jüngling“, dem Jesus empfiehlt all sein Geld herzugeben, um ihm nachzufolgen und besser dienen zu können. Da kam mir blitzartig die Erkenntnis: Geld kann ich ihm keines geben, das gehört der Familie, aber meine Zeit – wieviel davon? Einfach ganz großzügig habe ich gedacht und gebetet: Du, Jesus, musst mich nur wissen lassen, was ich damit machen soll. So fing der Weg an.
Zum Zweiten: Als ich einmal inmitten von schweren Entscheidungen, Auseinandersetzungen und Problemen sehr verzagt war, wollte ich eines meiner Ämter niederlegen. An jenem Abend hatten wir in Hohritt einen Gottesdienst und für eine Meditation sollte jede einen Stein aus einem Korb nehmen. Ich griff blindlings zu. Als ich dann den Stein in meiner Hand aufmerksam betrachtete, merkte ich, dass er wie angegossen in meine Hand passte. Beim Schließen der Hand war diese ganz voll – es fühlte sich an, als sei dieser Stein für meine Hand gemacht. Meine Gedanken wanderten fern ab von der Meditation zu meinen Problemen und ich war mir auf einmal sicher, dass diese verschiedenen Felder auf denen ich Verantwortung trug – die meine Berufung waren – zu mir passten und ich mir keine Rücktrittsgedanken machen musste. Den Stein habe ich noch heute in meinem Schreibtisch. Auch dies ist eine Station auf dem Weg meiner Berufung und meines Lebens.
Zum Ende dieser Reflexion, muss ich die Berufung erwähnen, die mir im Tabgha im Heiligen Land gegen Ende meiner ehrenamtlichen Laufbahn sehr deutlich geworden ist. Dort habe ich mich nach einer arbeitsreichen und turbulenten Tagung im Caritas-Babyhospital in Bethlehem zwei Tage „Auszeit“ genommen. Ich wollte dort versuchen, mein Leben zu sortieren. Die Zeit der großen und „heißen“ Ämter und Verantwortungen war vorbei, aber meine Lust zu denken, zu diskutieren, an der Welt und der Kirche mitzugestalten war geblieben. Das Leben sollte nun ruhiger werden, aber ich bin nicht ruhig. Meine alte Sehnsucht nach Weisheit tauchte wieder auf – der Begriff „Weisheit“ hat sich seither bei mir stark ausgefächert und ich werde wohl bis zum Ende meines Lebens nicht so ganz genau wissen, was dies für mich bedeutet. Nur in Ansätzen: – ist es bei mir Kompetenz! – Erfahrungskompetenz“ – Liebe? – Geduld? –Reden können? – Schweigen können? – Kritisch denken? – Toleranz? – Klare Grundsätze? – Verbinden? – Vermitteln? – Verstehen? – Was ist Weisheit wirklich?
Hier in Tabgha im Anblick des berühmten Mosaiks mit den Broten und den Fischen habe ich die Berufung für mein „altes Leben“ erkannt: Es ist richtig für mich, mein Körbchen mit den Broten – meine Gaben und Begabungen – immer wieder zu Jesus zu bringen, damit er sie segnet und ich an alle austeilen kann, die mir begegnen. Dieser Berufung gerecht zu werden versuche ich nun. „Hier bin ich – sende mich!“