Mit großem Engagement und viel Begeisterung erprobt ein Projektteam ein neues Nutzungskonzept für das alte Weingartener Pfarrhaus. Die Vision: Ein Haus, in dem Kirche nicht unter sich bleibt, sondern das allen offen steht, das Menschen verbindet und neu mit Gott in Berührung bringt.
Leicht würde die Kirchengemeinde für das alte Pfarrhaus in Weingarten einen Käufer finden, Interessenten gibt es viele. Doch der attraktive Standort bietet auch für die Kirche ganz neue und bisher ungenutzte Möglichkeiten.
Ein bisschen hat es den Anschein, als könnte die kleine, hier zu ihrem ersten Pressegespräch versammelte Gruppe selbst nicht fassen, was sie in den vergangenen Monaten geschafft hat. Zusammengekommen ist sie an diesem Abend an jenem Ort, der dem kleinen Team inzwischen fast so vertraut sein dürfte wie ihr jeweiliges Wohnzimmer – und der im Mittelpunkt ihres Engagements steht: das nun seit fast einem Jahr unbewohnte alte Pfarrhaus im badischen Weingarten. Im Sommer 2023 zog der sich inzwischen im Ruhestand befindliche Pfarrer aus, der hier über Jahrzehnte zu Hause gewesen war. Einen Nachfolger wird es – wie vielerorts – nicht geben. Doch wirklich leer, wie sich vermuten ließe, stand das Haus seither nie. Mögen in den vielen Zimmern mit den knarzenden Holzdielen auch bisher nur wenig Möbelstücke stehen, so stecken die Räume doch voller Ideen.
Das Projektteam: Julian Nitsche, Sebastian Kraft, Christina Stern, Markus Lichter, Monika Kaufmann (von links). Es fehlen: Ulrike Schmidt und Sonja Cornelißen.
Ideen des sieben Köpfe zählenden Projektteams, dessen Gemeinschaft das ausstrahlt, was auf einem der großen, weißen Banner im Vorgarten des Hauses zu lesen ist: offen, lebendig, verbunden. So stellt das Team sich auch den zukünftigen Charakter des Hauses vor. Im Jahr 1901 errichtet, ist es nicht nur ein Schmuckstück neogotischen Stils, sondern besticht dazu durch seine Lage mitten im idyllischen Ortskern von Weingarten. Direkt am Vorgarten fließt der Walzbach vorbei, sodass die Stufen hinauf zur Eingangstür nur über eine kleine Brücke zu erreichen sind. Jenseits des Bachs und angrenzenden Kirchplatzes stehen die katholische und evangelische Kirche in selten enger Nachbarschaft zusammen. Und so erscheint es nur folgerichtig, dass mit Ulrike Schmidt auch jemand aus der evangelischen Kirche Mitglied des Projektteams ist. Doch längst nicht nur der anderen Konfession soll dieses Haus sich öffnen, sondern allen Interessierten. „Es braucht einen Ort, wo gerade in diesen Zeiten das Verbindende im Vordergrund steht und Kirche nicht unter sich bleibt, wo wir mit neuen Menschen in Kontakt kommen“, ist Christina Stern, eine der Sprecherinnen des Projektteams, überzeugt. Jahrzehntelang habe es ein reges kirchliches Leben gegeben, da habe man einfach verpasst, sich nach außen hin zu öffnen und dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu tragen.
„Wir wollen die Kirche wieder interessanter machen für andere.“ Dafür investiert Christina Stern, die auch Mitglied im Pfarrgemeinderat der Kirchengemeinde Stutensee-Weingarten und im Gemeindeteam St. Michael ist, trotz Familie und Beruf – sie arbeitet als Teamleiterin in der Automobilbranche – jede Woche viele Stunden ihrer Freizeit. Mit Monika Kaufmann, ebenfalls im Gemeindeteam, teilt sich die 48-Jährige die Sprecherrolle für das Team. Dass sie sich so stark engagieren, ist für beide Frauen nicht selbstverständlich, sondern auch eine Form der Mitarbeit an einem Kulturwandel innerhalb der katholischen Kirche. „Ich gehöre noch der Generation an, die nicht Ministrantin werden durfte. Damals habe ich das hingenommen“, erinnert sich Kaufmann. Mit zunehmendem Alter ändere sich das Bewusstsein – auch um gegenüber den eigenen Kindern glaubwürdig zu bleiben. Schon länger ist die Leiterin einer schulpsychologischen Beratungsstelle in der Taufkatechese engagiert. „Mir hat es nicht mehr gereicht, im Gottesdienst zu sitzen und zuzuhören. Ich habe nach anderen Formen gesucht, meinen Glauben zu leben und etwas zu bewegen.“ Dazu kommt eine weitere Erkenntnis, die sie mit immer mehr Gläubigen vor Ort teilen dürfte: „Wenn sich Ehrenamtliche jetzt nicht engagieren, kommt nicht mehr viel.“
Hier tut sich was – das signalisiert auch die bunte Beleuchtung der Zimmer. Anlässlich des Tags für Menschen mit Behinderung erstrahlten sie in der Farbe Lila.
Dass das alte Pfarrhaus bei ihren Engagement eine Rolle spielen könnte, war beiden Frauen früh bewusst. „Hier, mitten im Ort, muss man die Menschen nicht mehr anlocken, sie sind schon da“, stellt Kaufmann fest. Nach einiger Überzeugungsarbeit im Pfarrgemeinderat, wo sie auf einer Klausurtagung ihre Idee präsentierten, steckt das Team nun mitten in einem zweijährigen Erprobungszeitraum. Bis 2025 haben sie Zeit, für das alte Pfarrhaus ein Nutzungskonzept mit „Offenheit für pastorale Innovation“ zu erarbeiten. Wichtig sei ihnen dabei, nicht alte Formate in eine neue Zeit zu übertragen, sondern wirklich Neues auszuprobieren und dabei Kooperationen einzugehen – innerkirchlich, aber auch mit anderen Gruppierungen in der Kommune.
Ein solches Format ist bereits entstanden. Es heißt „Immer neu am 12.“ und stellt monatlich einen Abend lang ganz unterschiedliche Themen in den Mittelpunkt, um verschiedenste Menschen anzusprechen. Als es einmal um das Thema Brot ging, war auch ein Weingartener Bäcker mit an Bord. Am „Tag der Menschen mit Behinderung“, Anfang Dezember, kooperierte das Team mit dem Sozialverband VdK. Grundsätzlich darf jeder, der eine Idee hat, einen Abend „Immer neu am 12.“ gestalten. Als Zielgruppen der Angebote hat das Team besonders Jugendliche – auch ein Vertreter der KjG ist im Projektteam –, Familien, Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder in schwierigen Lebenssituationen im Blick – in den oberen Etagen auch als mögliche Mieter auf Zeit. In den kirchlichen Gruppierungen am Ort erlebt das Team inzwischen Rückhalt. Auch sie sollen im Haus eine Heimat finden können, wenn man hier auch „kein Gemeindezentrum in Klein“ abbilden wolle, auch wenn langfristig – so steht bereits fest –, das Gemeindezentrum im Ort nicht erhalten bleibt.
Rückhalt hat das Team auch von hauptamtlicher Seite: „Wir haben das Gefühl, dass unser Engagement gewollt ist und gefördert wird“, sagt Christina Stern. „Unser Pfarrer lässt uns machen“, formuliert es Monika Kaufmann. Gemeindereferent Sebastian Kraft gehört als einziger Hauptamtlicher mit zum Team. Seine Stimme zählt jedoch hier nicht mehr oder weniger als die der anderen. Und auch er ist begeistert: „Mit Gleichgesinnten Kirchenentwicklung zu betreiben, neue Dinge auszuprobieren und auf die Beine zu stellen, das habe ich so früher nicht erlebt.“
Gleichgesinnte findet das Projektteam auch in speziellen Gründernetzwerken der Kirchen. Auch das Erzbistum Freiburg unterstützt dabei, Menschen, die aufbrechen wollen, zusammenzubringen, damit sich niemand als „Einzelkämpfer“ fühlen muss. „Wir sorgen für Vernetzung, außerdem gibt es Veranstaltungen, wo wir gute Praxis-Beispiele vorstellen“, sagt Tobias Aldinger, der im Seelsorgeamt seit acht Jahren unter anderem für die Themen „Glaubenskommunikation und Evangelisierung“ zuständig ist. Außerdem biete die Erzdiözese Coachings und Beratung an und könne dank eines Innovationsfonds auch finanziell unterstützen. Aldingers Wahrnehmung: „Die Sehnsucht nach neuen Formen von Kirche, die mitten im Leben passieren, nimmt zu.“ Er wirbt für einen „Mischwald“ alter und neuer Formen von Kirche, wenn dies auch manchmal schmerzhafte Einschnitte bedeute. Denn neue Formen könnten im besten Falle auch die klassischen Felder beleben. „Ich ermutige dazu, aus der Komfortzone rauszugehen und immer neu zu fragen, was sich lohnt, in die nächste Generation zu tragen, so dass Kinder und Enkel etwas Tragendes vom Evangelium mitbekommen“, sagt Tobias Aldinger. Oder wie ebenfalls auf einem der großen weißen Banner vor dem alten Weingartener Pfarrhaus zu lesen ist: „Hier entsteht etwas Neues.“
Kirsten Zimmerer
Veranstaltungen
Unter dem Titel „Immer neu am 12.“ findet am 12. jedes Monats ab 18.12 Uhr ein offenes Angebot im Pfarrhaus statt.
Die nächsten Termine:
Sonntag, 12. Mai, ab 18.12 Uhr:, Thema: „Frische Geschichten zum Muttertag“ mit einem Film über Elisabeth Selbert, eine der „Mütter des Grundgesetzes“, Poetry-Slam, Häppchen und Bowle.
Mittwoch, 12. Juni, ab 18.12 Uhr:, Thema: „Endlich!?“ mit einer Autorenlesung „Der Junge der die Dunkelheit verschluckte“, außerdem geht es um Abschiedsrituale und Informationen zu Patientenverfügung und Vollmachten.