Auf einem Esel, einem der ältesten Haustiere der Menschen, zog Jesus in Jerusalem ein. In Deutschland gibt es nach Schätzungen heute etwa 20 000 Esel. Zwei von ihnen leben bei Birgit Lomnitzer in Oberöwisheim. Ein Besuch.
Birgit Lomnitzer mit ihren beiden Eselinnen Charlotte (links) und Suse (rechts). Die Informatikerin bietet auch Eselwanderungen an. Dann geht es durch die Landschaft des schönen Kraichgaus.
Ein Märzmorgen. Frisch ist es. Sechs Grad zeigt das Thermometer. Ein unangenehmer Wind fegt durch die Straßen von Oberöwisheim im Kraichgau. Suse und Charlotte stört das nicht sonderlich. Die beiden 15-Jährigen stehen recht entspannt in ihrem Garten. Bei ihnen mit dabei auch Birgit Lomnitzer. Warm eingepackt, Mütze, Fleecejacke, Weste, feste Schuhe.
„Ja, das magst du meine Süße“, sagt Birgit Lomnitzer, während sie die langen weißen Ohren von Suse streichelt. Suse ist ein weißer Zwergesel, das heißt, ihre Schulterhöhe ist nicht höher als 105 Zentimeter. Das Ohrenkraulen lässt sich das Tier sichtlich gefallen. „Das mögen sie sehr“, erklärt Birgit Lomnitzer, stolze Halterin von Suse und Charlotte und begeisterte Eselliebhaberin. Wenn sie von Eseln spricht, dann sprudelt es aus ihr heraus und ihre blauen Augen leuchten.
„Schon als Sechsjährige habe ich zu meinen Eltern gesagt, dass ich einen Esel möchte“
Charlotte hat derzeit keine Zeit fürs Ohrenkraulen. Sie leckt lieber genüsslich an dem Salzstein, den Birgit Lomnitzer zuvor in die Halterung an der Wand gesteckt hat. Für Suse ist der Stein jetzt tabu. „Die darf jetzt nicht kommen, das sieht man an der Haltung von Charlotte.“ Denn, wenn jemand Charlotte ihren Salzstein wegnehmen möchte, dann „wird sie zum Monster“. Aber fünf Minuten später ist die Eselin dann doch ein sehr zahmes Monster, als Birgit Lomnitzer den Salzstein wieder einpackt. „Jetzt reicht es, zu viel ist ungesund.“
Den Wunsch, einen Esel zu haben, den hatte Birgit Lomnitzer früh. „Schon als Sechsjährige habe ich zu meinen Eltern gesagt, dass ich einen Esel möchte“, erzählt sie. Die Antwort des Vaters: „Ja, du bekommst einen.“ Und er hielt Wort. Gut, ein echter Esel wurde es zwar nicht, aber immerhin ein Steiff-Stofftieresel. „Und den habe ich sogar heute noch“, sagt Birgit Lomnitzer mit einem Lachen.
Es sollten schließlich noch einige Jährchen ins Land ziehen, bis es dann ein echter Esel wurde. Nachdem die Informatikerin bei einem sogenannten Eseltreffen in Forst war, wo sich viele Eselhalter mit ihren Tieren zum Austausch treffen, „da ist es dann passiert“. Birgit Lomnitzer war klar: Jetzt lege ich mir Esel zu. Einige Zeit später, vor vierzehn Jahren, zog der erste Esel, der Wallach Napoleon, bei ihr und ihrem Mann in Oberöwisheim ein. Zwei Monate danach folgte Charlotte, denn „Esel darf man nicht alleine halten“. Der Garten, in dem bis dahin Erdbeeren, Rharbarber und Co wuchsen, wurde so zum Eselrevier. Als Napoleon vor einigen Jahren verstarb, zog Suse ein.
„Das mache ich jetzt mal schnell“: Dieses Motto kann bei Eseln schnell nach hinten losgehen
Mit den Tieren veränderte sich auch der Alltag von Birgit Lomnitzer. Morgens um sechs Uhr heißt es für sie seitdem aufstehen, um die Esel aus dem Stall, der vor dem Haus liegt, in den Garten hinters Haus bringen. Würde sie das nicht machen, würde sie nicht nur Ärger mit den Eseln, sondern auch mit den Nachbarn bekommen. „Esel schlafen nicht viel und sie können sehr laut rufen“, erklärt Lomnitzer. Dreimal am Tag füttert sie die Esel mit einem Heu-Stroh-Mix, mal gibt es auch eine Karotte oder einen Apfel. „Und abends noch einen Stroh-Snack im Stall.“
Nicht nur das Leben von Birgit Lomnitzer hat sich verändert, die Esel haben auch sie verändert. „Die Esel sind irgendwie auch meine Lehrmeister“, sagt sie und erzählt, wie die Tiere sie verändert haben, sie mehr Demut, Achtsamkeit oder auch Geduld gelehrt haben. Und sie auch zufriedener gemacht haben. Das Motto „Das mache ich jetzt mal schnell“ kann bei Eseln, die keine Fluchttiere sind, sondern sozusagen erst denken, dann handeln, schnell nach hinten losgehen. „Bei Eseln geht es nicht sofort und gleich“, sagt Lomnitzer. „Die spüren es, wenn ich gestresst bin, und die zeigen mir dann: Stopp so nicht.“ Es sind Botschaften wie diese, oder der Umstand, dass es bei Eselherden keinen Leithengst oder keine Leitstute gibt, die Birgit Lomnitzer an Eseln so faszinieren.
Und Esel sind auch gute Lehrmeister, Menschen beizubringen, Dinge anzunehmen, wie sie sind. „Ich weiß jetzt nicht, warum die plötzlich bei der Wanderung stehen bleibt, vielleicht sieht sie irgendwo etwas, was ich nicht sehe, und dann will sie nicht so wie ich, aber dann muss ich lernen, das hinzunehmen“, sagt Birgit Lomnitzer. „Und genieße vielleicht einfach die Aussicht.“
Birgit Lomnitzer mit ihrer Charlotte bei einer Streicheleinheit. Die 15-jährige Eselin lebt schon seit über zehn Jahren bei Birgit Lomnitzer. Esel können bis zu 40 Jahre alt werden.
Mittlerweile berät Birgit Lomnitzer auch andere Interessierte, auf was sie beim Kauf und der Haltung von Eseln achten sollten. Esel dürfen nie alleine gehalten werden, brauchen Beschäftigung, oft besteht die Gefahr der Überfütterung, auch weil Esel – aus Halbwüsten- und Wüstengegenden stammend – eine hohe Verdauungseffizienz haben, Esel brauchen einen Wetterschutz, Esel können sehr laut sein, also Vorsicht mit den Nachbarn, ihre Hufempfindlichkeit … solche Sachen erklärt sie ihnen dann. Und dass sie Holz und Äste lieben. Auch Suse. Und darauf hat sie jetzt ganz offensichtlich Appetit, was sie mit einem lauten „I-Ah“ und einem Stupser in Birgit Lomnitzers Seite zu verstehen gibt. „Ja, du willst etwas von den Ästen“, sagt diese und holt aus einem eingezäunten Bereich im Garten einige Stöcke heraus und legt sie den beiden hin. Fünf Minuten später ist bei beiden Stöcken die Rinde verschwunden.
Mit Suse und Charlotte bietet die 63-Jährige auch Eselwanderungen an. Zwei bis drei Stunden sind sie dann unterwegs. Nach einer kurzen Einführung führen die Mitwandernden die Esel, können sich auf die Natur und die Tiere einlassen. Vorsicht ist lediglich geboten, wenn sie über Wiesen gehen, denn Esel lieben grünes Gras und wenn sie einmal auf den Geschmack kommen, kann es länger dauern. Umso mehr gilt, sie gar nicht erst auf dumme Gedanken zu bringen und sie mit sanftem Zug des Halfters dem Gras nicht zu nahe kommen zu lassen.
Die meditative, halbe Stunde beim Stallausmisten
Apropos dumm. „Esel sind sehr kluge Tiere“, betont Birgit Lomnitzer. Sie ärgert sich oft über solche Vorurteile und falsche Behauptungen. Wenn sie Formulierungen wie „Du Dummer Esel“ oder „eine Eselei“ hört, kann sie nur den Kopf schütteln. Zum schlechten Bild über Esel hat auch die Kirche beigetragen. Gerade im Mittelalter wurde der Esel nur allzu gerne als Symbol für Trägheit, Dummheit oder auch andere Laster verwendet, und dass obwohl der Gottessohn auf einem Esel in Jerusalem einzog oder in der Geschichte von Bileam, der Esel sogar sprechen kann.
Sprechen können Charlotte und Suse nicht, und trotzdem bringen die beiden Birgit Lomnitzer auf viele neue Gedanken. Das liegt an der alltäglichen meditativen halben Stunde, die die Esel ihrer Halterin bescheren: das Stall-ausmisten. „Da komme ich runter und meine Gedanken sprudeln“, erzählt Lomnitzer. Manchmal setzt sie sich auch mit einem Becher heißen Tee in den Garten und sitzt einfach bei ihren Eseln. „Das sind entspannte, gutmütige Zeitgenossen, das gefällt mir einfach.“