Eine einmalige Gelegenheit

27.02.2024 |

Die Große Landesausstellung versammelt herausragende Handschriften und lässt die Geschichte der Klosterinsel Reichenau lebendig werden

 
„Man muss immer wieder daran erinnern, was wir für ein reiches Erbe innerhalb unserer Landesgrenzen haben“, sagt Eckart Köhne. Köhne ist der Direktor des Badischen Landesmuseums und im Jahr 2024 erinnern er und sein Haus in der Großen Landesausstellung an ein ganz besonderes Erbe: das der Mönche von der Klosterinsel Reichenau. „Die Reichenau ist einer dieser Orte in Europa, an denen es gelingt, lange historische Entwicklungen an Monumenten, Objekten oder an ganz bestimmten Schauplätzen festzumachen“, sagt der klassische Archäologe und Historiker begeistert und erinnert an die drei Reichenauer Kirchen, die noch aus der karolingischen und ottonischen Zeit stammen oder auch an die Prozessionen an den drei Inselfeiertagen. „Das sind Traditionslinien, die vom Mittelalter bis in die Gegenwart reichen“, betont Köhne. 

Die Große Landesausstellung möchte nun die faszinierende Geschichte der Abtei durch herausragende Kunstwerke lebendig werden lassen. Allen voran durch die Prachthandschriften, die einst im Reichenauer Skriptorium von den Mönchen erschaffen wurden. Zehn Handschriften aus der sogenannten Reichenauer Malschule wurden im Jahr 2003 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen, fünf von ihnen werden nun in der Ausstellung zu sehen sein: das Liuthar-Evangeliar aus dem Aachener Domschatz, der Codex Egberti aus der Stadtbibliothek Trier, der Egbert-Psalter aus dem italienischen Museo Archeologico Nazionale di Cividale in Friaul, das Poussay-Evangelistar aus der Bibliothèque Nationale de France in Paris und der Gero-Codex aus der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Diese Meisterwerke vereint bestaunen zu können, ist eine einmalige Gelegenheit für Besucherinnen und Besucher. 

Noch etwa 60 weitere illuminierte Handschriften existieren, die auf der Reichenau entstanden sind. Etwa zwanzig davon werden in der Schau zu sehen sein. Beispielsweise das Petershausener Sakramentar mit der Abbildung der „Ecclesia“, die das Titelmotiv der Ausstellung und dieses Heftes ist. Oder das imposante Evangelistar aus Brescia. Es besteht fast ausschließlich aus ganzseitigen Miniaturen, Initialen und kunstvollen Kanontafeln. Seine Farben haben auch über die Jahrhunderte nichts an Strahlkraft verloren. 
Um solche kostbaren Exponate ausstellen zu können, braucht es Geld (das Land Baden-Württemberg unterstützt das Badische Landesmuseum mit 2,7 Millionen Euro aus dem Budget der Großen Landesausstellungen) und Jahre an Vorbereitung und Planung. So brachten die vergangenen Monate volle Terminkalender für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Badischen Landesmuseums und den Kurator sowie Wissenschaftlichen Projektleiter der Schau, Olaf Siart, mit sich. 

Temperatur, Lichteinfall und Neigungswinkel

Die Liste der Dinge, auf die es bei solchen Werken zu achten gilt, ist lang. Das fängt bei der Sicherheit an, geht über die restauratorische Betreuung der Exponate bis hin zu den konservatorischen Rahmenbedingungen, die bei der Präsentation zu beachten und zu gewährleisten sind. Jedes Exponat braucht beispielsweise die richtige Temperatur, die richtige Luftfeuchtigkeit und den passenden Lichteinfall. Bei der Präsentation der Handschriften dürfen nur bestimmte Seiten gezeigt werden und das Buch muss einen speziellen Neigungswinkel haben.
Eine weitere Herausforderung für das Badische Landesmuseum, das in Karlsruhe seinen Sitz hat, war die Tatsache, dass die Schau nicht „Zuhause“, sondern auswärts im nur wenige Kilometer von der Reichenau entfernten Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg in Konstanz stattfinden wird. 

Dort können die Besucherinnen und Besucher etwas über die reiche monastische Kulturlandschaft an Bodensee und Hochrhein erfahren, genauso wie über die europaweiten Beziehungen der Abtei oder die Lebensbedingungen der Mönche. Die Leihgaben, die davon erzählen, stammen aus den Sammlungen und Beständen der Projektpartner, dem Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg, der Badischen Landesbibliothek und dem Generallandesarchiv Karlsruhe. Alle drei präsentieren auch nochmals eigene Korrespondenzausstellungen zur Großen Landesausstellung (siehe Seiten 18-19). Komplettiert wird der Reigen der Exponate durch zahlreiche weitere kostbare nationale und internationale Leihgaben. Beispielsweise zwei Elfenbeinreliefs aus dem Louvre oder eine Chorschrankenplatte aus Venedig.

Auch ein Astrolabium aus dem 11. Jahrhundert wird zu sehen sein. Ein Gerät, mit dem damals der Sternenhimmel beobachtet wurde. Die Leihgabe ist eines der ältesten Astrolabien, versehen mit arabischen Schriftzeichen, das aber zusätzlich mit lateinischen Gravuren ergänzt wurde. Der bekannte Reichenauer Mönch Hermann der Lahme hat im 11. Jahrhundert ein Handbuch zu diesen Astrolabien geschrieben. Das reiche Erbe, das er und die anderen Mönche der Reichenau hinterlassen haben, kann nun in Konstanz wiederentdeckt werden. 
 
Daniel Gerber
 
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