Fordernde Vielfalt

23.02.2024 |

Missionarisch handeln in einer Welt, die immer säkularer wird? Missionarisch handeln, obgleich der Begriff der „Mission“ umstritten ist? Das erste der strategischen Ziele des Erzbistums stellt eine Reihe von Herausforderungen. Lädt aber auch zu spannenden Entdeckungen ein – wie jetzt eine Tagung der Katholischen Akademie verdeutlicht hat.

 
Die Vielfalt der Menschen muss die Kirche bei ihrer Arbeit im Blick haben.
 
Ausgerechnet Punkt 1 der „Strategischen Ziele des Erzbistums“ hat es so richtig in sich. Da ist der schöne Satz formuliert, „als Erzdiözese handeln wir missionarisch“. „Das ist leichter gesagt als getan“, meint Norbert Schwab von der Katholischen Akademie. Denn am Wort „Mission“ scheiden sich die Geister. Dabei handle es sich geradezu um einen „toxischen Begriff“, meint Schwabs Kollege Alexander Foitzik; für Theologieprofessorin Johanna Rahner gehört er gar in den „Giftschrank“ unbenutzbarer theologischer Wörter und ihr Professoren-Kollege Jan Loffeld würde ohnehin lieber von „Evangelisierung“ sprechen statt von „Mission“. Generalvikar Christoph Neubrand stellte vor diesem Hintergrund klar: „Bei der Formulierung hatten wir sicher nicht die Hoffnung auf quantitatives Wachstum – uns beschäftigte vielmehr die Frage: Wie können wir das aufnehmen, was andere bewegt?“

Was also steckt in der Kernaussage der „missionarischen Kirche“? Die Frage stand im Zentrum einer Tagung der Katholischen Akademie in Freiburg. Und die Antworten schlugen einen großen Bogen – von der bibelwissenschaftlichen Annäherung über die dogmatische Durchleuchtung und den pastoraltheologischen Realitätscheck bis hin zum konkreten „Ärmelhochkrempeln“ und „einfach mal loslegen“. Wie etwa Pfarrer Bernhard Stahlberger, der da sagt: „Mission geht nicht mehr unmittelbar, sondern nur noch mittelbar.“ Und das Mittel hat er gefunden, unter anderem in einem Fitnessstudio, das er in seinem Pfarrhaus in Görwihl einrichten ließ und das längst hoch frequentiert ist von Menschen seiner Pfarrei im Alter zwischen 14 und 94. Weil auch der Pfarrer dort mit den Hanteln arbeitet und Klimmzüge macht, gibt es immer wieder Begegnungen, und es finden sich unkonventionelle Wege zum Gespräch. „Manche sind kurz und intensiv“, sagt Stahlberger, „aber ich saß auch schon zweieinhalb Stunden zwischen den Fitnessgeräten mit einem jungen Mann, dem ich anmerkte, dass ihn etwas drückt ...“ 
 

Strategische Ziele

 
„Als Erzdiözese Freiburg handeln wir missionarisch. Wir wollen Menschen mit dem Glauben in Verbindung bringen und unsere Beziehung zu Jesus Christus stärken und vertiefen. Wir wenden uns an alle Menschen, unabhängig von ihren unterschiedlichen Zugängen und ihrer je eigenen Nähe zum Glauben.“ 

Satz 1 aus den strategischen Zielen der seit 2022 gültigen Freiburger Diözesanstrategie.
 
 
Seelsorgegespräche im kircheneigenen Fitnessclub

Was lässt sich lernen aus der Stahlberger´schen „Mission“ im Hotzenwald. „Dass wir den Begriff gänzlich neu definieren müssen, wenn er weiter genutzt werden soll“, wie etwa Johanna Rahner sagt. „Nicht verkündigen, sondern zuhören“, müsse die Devise lauten, meint die Tübinger Dogmatikprofessorin, die aus der sich rasant verändernden Gesellschaft auch fundamentale Folgen für die Kirche ableitet: „Gemeinschaften machen dauerhafte Angebote, Individuen entscheiden sich kurzfristig dafür oder dagegen“, so umreißt sie ein Muster, das derzeit viele Vereine vor riesige Probleme stellt. Es gibt keine lebenslangen Zusagen zum Mitmachen mehr, weder beim Männerchor noch in der politischen Partei. Und auch nicht in kirchlichen Strukturen. Damit verändert sich auch die Art, wie Religion gelebt wird und darauf müssen die Kirchen reagieren, ist Johanna Rahner überzeugt: „Die Kirche muss erkennen, dass sie nicht Subjekt ist und andere das Objekt sind.“ Mehr noch: Es gilt sich immer bewusst zu sein, dass „der andere noch mehr Recht haben kann als ich selber“. 
 
Nachdenken über eine missionarische Kirche: Hochschullehrerin Johanna Rahner, Generalvikar Christoph Neubrand, Pfarrer Bernhard Stahlberger und Pastoralreferentin Christiane Martin (von links).
 
Johanna Rahner zitierte Papst Paul VI., der sich in den 1970er-Jahren viele Gedanken zur Evangelisierung gemacht hat. Dessen Apostolisches Schreiben „Evangelii nuntiandi“ hat auch Papst Franziskus einmal als die „Magna Charta der Evangelisierung“ gepriesen. Paul VI. hatte 1975 die Leitsätze für eine richtige Mission wie folgt umschrieben: „Glaubst du, was du verkündest? Lebst du, was du glaubst? Verkündest du, was du lebst?“ Mit diesen ineinander verknäulten Fragen wird schnell deutlich, dass Kirche sich in der Missionierung selbst missioniert. Johanna Rahner legte ein Plädoyer ab für eine Kirche, „die auf die Menschen zugeht“, eine Kirche, die sich auf den Geist der Zeit und auf das Menschsein mit all seinen vielfältigen Facetten einlässt. Vorbei sei die Zeit einer „Komm-doch-her-zu-uns-Pastoral“, jetzt sei die Zeit einer „Geh-hin-Pastoral“. 
 
Aus Kerngeschäft fokussieren? Oder auf dem Humus gedeihen?

Allerdings schlagen diese Worte ein in eine Welt, in der das „Geh hin“ gar nicht mehr überall so geschätzt wird. Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung enthüllte kürzlich einen starken Trend zur Säkularität, immer weniger Menschen zeigen sich überhaupt religiös interessiert. Jan Loffeld, Professor für Praktische Theologie im niederländischen Utrecht, untermauerte die Beobachtung mit einer Episode aus seinem Bistum Münster. Dort hatten sich vor einiger Zeit 60 bis 70 Priester zu Pfingsten zu einer Wanderung aufgemacht, „der eine im Scholarhemd, der andere im dunklen Anzug, der dritte mit Basthut, ein bunter Haufen eben“, erzählt Loffeld. Aber: „Viele Entgegenkommende gingen uns damals schlichtweg aus dem Weg“, berichtete Loffeld, „sie bogen einfach ab.“ Mit anderen Worten: Die Welt wartet nicht mehr darauf, von Mutter Kirche angesprochen zu werden. 

Verkündigung von der Kanzel (hier ein Bild aus der Basilika Vierzehnheiligen): Jahrhundertelang hat das ausgereicht, um Menschen zu erreichen, heute gilt es, beständig neue Wege zu finden.
Damit stellen sich zwei Optionen: Fokussiert sich die Kirche auf das „Kerngeschäft“, versucht sie die eingeübten Formen zu pflegen und versagt sich damit einer Modernisierung, dann muss sie das weitere Schrumpfen akzeptieren – bis zum „heiligen Rest“. Dann bleibe alleine die Hoffnung, dass „die gegenwärtige Kultur irgendwann vor die Hunde geht und man dann immerhin „die reine Lehre bewahrt habe“, wie Jan Loffeld es salopp ausdrückt. Die andere Option: Kirche versucht sich „zu inkulturieren“, sich auf die Vielfalt der Menschen und deren Bedürfnisse einzulassen und „auf dem Humus zu gedeihen, den es gibt“, wie Johanna Rahner sagt. Jan Loffeld drückt es neudeutsch etwa so aus: Die Kirche muss die „Big Story“ des Christentums mit den „individual storys“ der Menschen verknüpfen, um näher an die Menschen heranzurücken. 

An dieser Stelle lohnt ein Blick in die Anfänge. Im Alten Testament gab es noch keine „Mission“, berichtet Katrin Brockmöller, die Direktorin des Katholischen Bibelwerks in Stuttgart. Allerdings verweist sie auf das Motiv der Völkerwallfahrt, die in den ältesten Texten angesprochen werden. So war auf dem Weg in die Freiheit „auch ein großer Haufen anderer Leute mit dabei“, wie es so schön heißt nach dem Auszug aus Ägypten. Und auf dem Berg Zion sei „das Festmahl bereitet für alle Völker“. Will heißen: Man ist nicht alleine auf dem Weg zum Paradies. Doch erst im Neuen Testament zieht die „Idee der Sendung“ ein: Jesus rief die Apostel zusammen und er gab ihnen „Kraft und Vollmacht über alle Dämonen und um Krankheiten zu heilen“, wie Lukas schreibt. Und der Evangelist Matthäus notierte: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern.“ 
 
Das geradezu rasante Wachstum des Christentums habe sich aber vor allem daraus ergeben, dass seine Botschaft attraktiv war, weil sie so ganz anders war als alles andere. „Das Christentum stand für die Umwertung aller traditionellen Werte“, sagt Brockmöller, Beispiele gibt es zuhauf: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen sein.“ „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“ ... Mit Jesu Wirken sei eine Idee der Gleichheit und der Gerechtigkeit entstanden, eine neue Art zu denken, die die Unterschiede hinwegwischte zwischen Juden und Christen, Sklaven und Freien, Männer und Frauen, reich und arm. „Diese Anfangsidee aber hat das Christentum nicht durchgehalten“, resümiert Brockmöller. 
 

Werte


„Missionarisch – wir reden profiliert und klar positioniert von unserem Glauben, der im Licht des Evangeliums unser Leben deutet, es gestalte und ihm Sinn verleiht.“ 
 
Aus dem „Prinzipienkatalog“ der Diözesanen Leitlinien, die der Diözesanstrategie vorgeschaltet sind.
 


Und was heißt das alles für heute? Für Hubertus Schönemann legt das Nachdenken über die „Mission“ jede Menge Instrumente offen, die bei der Neuorganisation von Bistümern und Pfarreien zum Tragen kommen müssten. „Es ist zuallererst Gottes Mission, die sich hier auf der Welt Bahn bricht“, betont er, nicht die Mission der Kirche. „Nicht wir bringen das Evangelium zu den Menschen, sondern wir schauen, wo und wie das Evangelium sich ereignet.“ Daher gelte es, die Strukturen so zu gestalten, dass es möglich ist, Spuren zu entdecken, neue Bilder, neue Gestalten. Dafür aber bedarf es eines Innovationsklimas, eines Rahmens, der Innovationen ermöglicht und Hindernisse für Neuerungen beseitigt. 
 
„Bistümer und Pfarreien müssen ein Innovationsklima schaffen“
 
„Ich glaube, dass wir das hier im Blick haben“, machte Generalvikar Christoph Neubrand deutlich und betonte, dass die neuen Großpfarreien eben nicht unter einer Überreglementierung leiden werden, sondern im Gegenteil: mit viel Elan kreativ sein sollen. „Wir hoffen doch sehr, dass christliches Leben nicht nur an den 36 Knotenpunkten sichtbar sein wird, sondern an viel mehr Stellen darüber hinaus.“ 
 

Missionarisch unterwegs – Beispiele aus der Erzdiözese

„Chille und Chille“ – das Angebot der Pfarrgemeinde St. Wendelin im Hotzenwald spielt im Namen mit dem alemannischen Begriff für Kirche (Chille) und dem englischen Wort für „ausruhen“ (chillen). Der Ansatz ist ein doppelter: Die Gemeindeteams sollen gestärkt werden, gleichzeitig sollen ungewöhnliche Angebote Kontakte ermöglichen. Die Pfarrgemeinde unterhält ein eigenes Fitnessstudio namens Wendel’Gym, das vor allem junge Leute anziehen sollte, aber mittlerweile alle Generationen anspricht. Mehr an Geist und Seele orientieren sich die Angebote in einem neuen Pfarrheim, wo eine viel genutzte Bibliothek zum Treffpunkt geworden ist und ein Bildungswerk mit einem engagierten Programm lockt. Attraktiv ist auch das der Kathedrale von Chartres nachempfundene Labyrinth in der Görwihler Kirche, das nicht nur bei Führungen zur Zahlensymbolik viele Besucher anzieht. Nach einem Umbau der Kirche soll das Labyrinth noch sinnfälliger werden. „Die Kirche kommt derzeit immer erst von der Liturgie her“, kritisiert Pfarrer Bernhard Stahlberger, „stattdessen müssen wir viel mehr fragen: Was brauchen die Leute?“ Erfolge kann der Pfarrer vermelden: Es gab Wiedereintritte und Erwachsenentaufen. 

NI.KO ist der Name eines Projekts in Heidelberg. „Nur der kann missionarisch handeln, der von seiner Arbeit überzeugt ist“, umreißt Christiane Martin einen der Leitgedanken, um für Ehrenamtliche und Hauptamtliche einen „Ort zum Auftanken zu schaffen“. Überdies soll NI.KO Instrumente vermitteln, um „geistliches Arbeiten“ zu lernen, und „um dafür zu sorgen, dass Menschen in kirchlichen Themen sprachfähig werden“. Nicht zuletzt wendet sich das Projekt an Menschen, die eigentlich nicht zum inneren Kreis der Kirchgänger zählen. Rund 50 bis 60 Personen, so Christiane Martin, nehmen die neuen gottesdienstlichen Angebote regelmäßig wahr. Dafür hat NI.KO in der Heidelberger Weststadt ein Pfarrhaus für seine Zwecke nutzbar gemacht mit Veranstaltungsräumen, Küche und Gästezimmern. Der Name NI.KO steht für die biblische Figur des Nikodemus, der in sich die Sehnsucht trug, Jesus zu begegnen und Antworten für sein Leben zu bekommen. Genau das ist auch das Ziel von NI.KO: „Wir versuchen, Menschen mit Jesus in Berührung zu bringen, damit sie daraus ihr Leben gestalten, Heilung erfahren und sich von ihm senden lassen“, sagt Christiane Martin.
 


Wie solche Neuerungen aussehen könnten, davon erzählt etwa Christiane Martin, die in Heidelberg mitverantwortlich ist für das Projekt NI.KO: Dort sollen Ehrenamtliche und Hauptamtliche „auftanken, um wieder ausstrahlen zu können“. Bischof Kamphaus habe mal gesagt: „Wer sich selbst nicht riechen kann, der stinkt auch anderen.“ Im Heidelberger NI.KO sollen Menschen einen Ort finden, „wo wir unseren Glauben einüben können und sprechfähig werden“, sagt die Pastoralreferentin (siehe auch Kasten: Missionarisch unterwegs). „Wir machen vieles vollkommen anders, und damit sind wir attraktiv“, resümiert Christiane Martin. 

Warum aber ist der Begriff der „Mission“ so gebrandmarkt? Dazu findet Schwester Birgit Weiler bei der Tagung nachdenkliche Worte. Sie gehört der Ordensgemeinschaft der Missionsärztlichen Schwestern an und lehrt unter anderem an der Jesuitenuniversität in Lima – also in einem Land, in dem christliche Eiferer in früheren Jahrhunderten die Religion mit dem Schwert verbreiteten. „Mission ist ein belastetes Wort bei indigenen Völkern“, weiß die Ordensschwester und empfiehlt, es durch „Präsenz zeigen“ zu ersetzen: Jesus war in heilsamer Weise präsent, heilend, Leben weckend. Wir schätzen hier die Präsenz von Kirche. Nicht mehr und nicht weniger.
Info
Teile der Tagung stehen in der Mediathek der Katholischen Akademie Freiburg als Video bereit: www.katholische-akademie-freiburg.de
Klaus Gaßner