wissen Sie, was eine Krise ist? Laut dem Krisenforschungsinstitut an der Universität Kiel sind Krisen alle internen oder externen Ereignisse, durch die akute Gefahren drohen für Lebewesen, für die Umwelt, für Vermögenswerte oder für die Reputation eines Unternehmens bzw. einer Institution. Unschwer festzustellen: Wir leben in einer Zeit der Krisen. Flüchtlingskrise, Wirtschaftskrise, Energiekrise und Klimakrise, inklusive einer Glaubwürdigkeitskrise, die Kirche betreffend wie auch staatliche Institutionen. Insofern ist der Definition nur zuzustimmen.
Diese Krisen, wie auch ältere oder neu ausbrechende Kriege, schüren unser aller Angst, ob Ukraine, Syrien, Libanon, Berg-Karabach oder Israel und Palästina. Die Zeit, in der wir uns in Frieden wähnten, scheint mehr denn je zu Ende zu gehen. Da kommt ein Gefühl der Unsicherheit und Ohnmacht auf. Es beschleicht uns ein Unwohlsein, weil wir befürchten, dass wir auf schwere Zeiten zusteuern. Wir leiden mit, wenn wir die Meldungen von Gewaltexzessen und vom Tod unzähliger Menschen lesen und hören. Ja, diese Nachrichten tragen auch für uns etwas Bedrohliches in sich, das wir nicht steuern können und dem wir nicht Herr werden. Krisen sind die Erfahrung, dass der Boden unter den Füßen wankt, sich alles dreht und zu zerbrechen droht.
Krisen sind die außergewöhnlichen Situationen, in denen alles Bekannte, Gewesene und Gewohnte wegbricht, ohne Perspektive, für das, was dann folgt. In Krisen liegt das Erschrecken über das Gewaltige, Unbeherrschbare, Unendliche und die eigene Hilflosigkeit angesichts dessen. Krisenerfahrungen, wie wir sie jetzt erleben oder über die Medien mitverfolgen, sind existenziell. Aber sie sind nichts grundsätzlich Neues. Gegen diese Erfahrung und diese Gefühle kann sich kein Mensch wehren. Selbst Jesus kennt diesen unendlichen Abgrund, der sich in einer Krise auftut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, ruft Jesus in seiner Not am Kreuz. Das ist ein Grundgefühl in der Krise.
In die Erfahrung hinein, dass der Boden unter den Füßen wankt ...
Aber es gibt eine Antwort auf die Krise an sich: JHWH – „Ich bin da“. Diese Zusage Gottes an uns, an alle Menschen zu allen Zeiten auf der Welt ist eine Antwort in die Krise hinein. Es ist die liebende Antwort Gottes an uns, wenn uns der Himmel auf den Kopf zu fallen scheint und der Abgrund sich auftut. „Ich bin da“ ist das Versprechen Gottes, dass das Leben siegt und dass hinter jeder Krise das Leben wieder zum Vorscheint kommt. Der „Ich bin da“, der Vater im Himmel antwortet auf die menschliche Verzweiflung Jesu am Kreuz. Und er antwortet in Jesus Christus so radikal, in dem er seinen Sohn am Kreuz aushält. Nicht der Tod wird siegen, sondern die unendlich göttliche Liebe, die das Leben trägt. „Ich bin da“ verspricht Gott uns allen in der Krise und über die Krise, über das Kreuz hinaus. Die Antwort ist das Leben in Jesus Christus, wie es sich in der Auferstehung zeigt.
Das eigentliche Problem für diejenige Person, die in der Krise steckt, ist nur, dass ihr gerade dann diese Erkenntnis oft fehlt, sie sich dessen nicht bewusst ist oder sie nichts davon spürt, so dass Depression und Ohnmacht die Oberhand gewinnen können. Dabei kann der „Ich bin da“ sehr verschieden erfahren werden. Oft sind es die kleinen Aufmerksamkeiten, die mir andere schenken. Bin ich bereit, diese anzunehmen? Kann ich mich neu auf das Angebot Gottes und der Menschen aus meinem Umfeld einlassen, wenn ich in der Krise stecke? Er will doch offenbaren, was er uns zugesagt hat: Ihr Menschen seid geliebt und gewollt. Ihr seid nicht allein. Diese Zusage, diese Hoffnung gilt, auch wenn es für den, der in der Krise steckt, nicht unmittelbar und gefühlsmäßig verinnerlicht werden kann. Um uns mit den vielfältigen Krisen auf dieser Erde nicht abfinden zu müssen, um diesen begegnen zu können, weist uns Jesus Christus den Weg seiner Nachfolge. Dieser Weg zeigt klare Handlungsoptionen für uns auf, die sich mit den Werken der Barmherzigkeit umschreiben lassen. Mit dieser Haltung, der die Handlung folgt, wird für andere erfahrbar, dass Gott sich als der „Ich bin da“ in den kleinen wie auch großen Krisen erweist. Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten – Werke der Barmherzigkeit, die überall auf der Welt Hoffnung und Trost geben. Sie sind insbesondere an die Menschen gerichtet, die am Rande der Gesellschaft stehen, die die Gemeinschaft brauchen, um aus der Krise herauszufinden. „Ein wenig Barmherzigkeit macht die Welt weniger kalt und viel gerechter“, sagte Papst Franziskus.
... kündigt Jesaja ein helles Licht an, das alles überstrahlt
Dass das Versprechen „Ich bin da“ keine leeren Worte sind, sondern ebenso existenzielle Erfahrung und Realität, erfahren wir aber auch auf andere, vielfältige Weise: Es sind die Helferinnen und Helfer in den Krisengebieten, die angesichts von Zerstörung und Tod ihr eigenes Leben riskieren. Es sind die Menschen, die für andere Menschen da sind, unabhängig von Religion, Geschlecht oder Herkunft. Es sind Organisationen, die auch in den größten Kriegs- und Krisengebieten dieses „Ich bin da“ durch ihr Engagement in der Welt aufleuchten lassen. Ich denke an unsere kirchlichen Hilfsorganisationen wie zum Beispiel die Caritas, Caritas international, die im Sinne gelebter Nächstenliebe unterwegs sind, ob im Heiligen Land, in Syrien, im Libanon in der Ukraine oder überall dort, wo Menschen Krisenerfahrungen machen, machen müssen. Jedes Mal will Gott Licht in so manches Dunkel einer Krise bringen. „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlt ein Licht auf“ (Jesaja 9, 1).
Das Ineinander von Krise und Hoffnung, von Dunkel und Licht kannte auch Jesaja. In all der Bedrohung, in der das Volk steckt und die der Prophet in seinen Worten zum Ausdruck bringt, kündigt er doch eine Wende zum Besseren an, die mit der Geburt eines göttlichen Kindes eintreten wird.
Nach unserem christlichen Verständnis sehen wir in dieser Prophezeiung die Ankündigung der Geburt Christi, weshalb diese Jesajatexte gerade in der Adventszeit gelesen werden. Dieser Jesus Christus kommt ganz bewusst in unsere Krisen hinein, in Krisen der Heimatlosigkeit, der Verlorenheit und des Ausgeliefertseins, in Krisen der Vertreibung, der Ablehnung, der Armut. Diese Krisen begegnen ihm im Stall von Betlehem und werden sich fortsetzen in der Flucht nach Ägypten, in der Ablehnung seiner Botschaft durch die Verantwortlichen der damaligen Gesellschaft und der Religionsführer und werden im Kreuzweg und in der Kreuzigung ihren Höhepunkt erreichen. So ist Christus, das Mensch gewordene Wort Gottes, in jeder Krise gegenwärtig, nicht um darin zu verharren und zugrunde zu gehen, sondern um diese zu überwinden. Der „Ich bin da“ ist in Jesus Christus unter uns greifbare Wirklichkeit geworden. So zeigt er uns den Weg. So wird er selbst zu dem Weg, der uns Menschen aus den Krisensituationen herausführt. Er geht den Weg des Menschen zum Menschen. Er geht den Weg mit uns. In seiner Gemeinschaft können Krisen überwunden werden. Selbst in der größten, vorstellbaren Krise menschlichen Daseins, in der Todesstunde, vermag er uns zu halten, so wie er gehalten worden ist.
Liebe Leserinnen und Leser, nie gab es eine Welt, die frei von Krisen war. Nie gab es eine Welt ohne kriegerische Auseinandersetzungen. Unsere derzeitige Verunsicherung und unsere Ängste mögen daher rühren, weil die Krisen uns so nah erscheinen. Aber wie schon Generationen vor uns haben auch wir die Möglichkeit, uns gegen diese Ängste zur Wehr zu setzen. Und im Glauben und Vertrauen auf Gott, auf den „Ich bin da“, ist uns eines der stärksten Mittel in der Gemeinschaft, im Miteinander und Füreinander, in der Caritas, in der gelebten Nächstenliebe gegeben.
Der Theologe Heinrich Fries schreibt: „Das Symbol der christlichen Hoffnung ist das Licht. Licht bedeutet nicht, dass es keine Nacht mehr gibt, aber es bedeutet, dass die Nacht erhellt und überwunden werden kann.“
Dieses Licht will auch dieses Jahr neu in uns aufleuchten. Gerade jetzt ist es bedeutsamer denn je, dass wir Jesaja, dessen Name „der Herr rettet“ bedeutet, ernstnehmen und den Weg der Nachfolge Jesu konsequenter gehen. Vielleicht liegt die Antwort auf die Krisen unserer Zeit mehr denn je in der gelebten Nachfolge, in den Werken der Barmherzigkeit und der Erkenntnis, dass wir an Weihnachten die Menschwerdung Gottes feiern. Auch wenn die wenigsten von uns in der Ukraine, in Israel und Gaza oder in anderen Krisengebieten dieser Welt engagiert unterwegs sein können, bleiben genügend Möglichkeiten, im eigene Umfeld Gutes zu tun, indem wir den Krisen anderen unsere persönliche Solidarität entgegenbringen. Nicht zuletzt kann auch materielle Hilfe oder finanzielle Unterstützung für andere zum Segen werden und die Erfahrung, das der „Ich bin da“, mit uns auf dem Weg geblieben ist, trotz allem, was die Welt schon an Krisen hinter sich bringen musste und immer wieder bereithält.
Die Geburt Jesu Christi in Betlehem war und ist für uns heute nichts anderes, als die liebende, unverbrüchliche Zusage Gottes bei uns zu sein und zu bleiben, egal was immer an Krisen auf uns zukommen mag. Er ist und er bleibt der „Ich bin da“!
Ihnen allen gesegnete und gnadenreiche Weihnachtstage und ein vom Herrn gesegnetes Jahr 2024!