„Wir brauchen einen neuen Blick auf Kirche“

02.10.2023 |

In 90 Minuten den Prozess „Kirchenentwicklung 2030“ zu durchdringen? Eine Herausforderung. Beim ersten Konradsblatt-Forum mit Generalvikar Christoph Neubrand, zu dem interessierte  Leser und Leserinnen eingeladen waren, wurde sie angenommen und beinahe gemeistert.

„Wir haben es mit dem größten Transformationsprozess in der Geschichte des Erzbistums zu tun.“ Dieser Satz von Generalvikar Christoph Neubrand umreißt gut die Dimension, die das Projekt „Kirchenentwicklung 2030“ für die Erzdiözese Freiburg hat. 
 
Um über diesen bedeutenden Prozess zu reden, um Fragen stellen zu können, auch kritische, hatte das Konradsblatt interessierte Leser und Leserinnen zum ersten Konradsblatt-Forum eingeladen. „Eine Premiere in einer Zeit des Umbruchs, in der Welt und in der Kirche“, wie Konradsblatt-Chefredakteur Klaus Gaßner bei der Begrüßung des Generalvikars und der anwesenden Männer und Frauen betonte. Weil es sich um den größten Veränderungsprozess im Erzbistum handelt, ist es auch der Erzdiözese sehr wichtig, diesen gut zu kommunizieren. Auch Generalvikar Christoph Neubrand ist es ein persönliches Anliegen, dass der Prozess bei den Gläubigen eine breite Zustimmung erfährt. 
 
Beim ersten Konradsblatt-Forum stand Generalvikar Christoph Neubrand den Fragen von Chefredakteur Klaus Gaßner und den anwesenden Konradsblatt-Leserinnen und -Lesern Rede und Antwort. 
Neben dem Ehrengast freute sich Klaus Gaßner, der durch den Abend führte, auch über das Kommen der Dekane Hubert Streckert (Karlsruhe) und Lukas Glocker (Bruchsal), die über ihre eigenen Erfahrungen berichteten, und über die Schülerinnen des Leistungskurses Religion vom Dominikus-Gymnasium in Karlsruhe, die zusammen mit ihrem Lehrer, Pfarrer Erhard Bechtold, zu der Veranstaltung gekommen waren. Das Forum zeigte dabei, dass es auch in der heutigen Zeit möglich ist, über ein komplexes und kontroverses Thema, das die Menschen emotional bewegt, konstruktiv zu sprechen, ohne dabei populistisch zu werden.
 
Es braucht die kleine Gemeinde vor Ort
 
Dekan Hubert Streckert war es, der mit einem Statement zu Beginn die Lage vor Ort zusammenfasste. Es gebe eine große Verunsicherung bei den Menschen, erzählte er. „Manches kann ich davon verstehen, manches nicht.“ Dabei machte Hubert Streckert klar: „Die Kirchenentwicklung mit ihren Folgen trifft jeden Gläubigen persönlich.“  Auch ihn selbst. Es habe einige Zeit bei ihm gedauert, bis er die „Kröte geschluckt habe“. Als Dekan habe er in den vergangenen 15 Jahren versucht, dass das Dekanat Karlsruhe zusammenwächst und jetzt werde es durch die neuen Großpfarreien wieder aufgelöst. Er habe sich dann aber gesagt: „Es ist nicht dein Lebenswerk.“ Der Zukunft sieht er dennoch optimistisch entgegen. Für ihn ist klar: „Als Lebensbasis des christlichen Glaubens braucht es die kleine Gemeinde vor Ort.“ 

Trotz kontroversem Thema herrschte beim Konradsblatt-Forum eine angenehme Atmosphäre. Die Besucherinnen und Besucher sorgten mit ihren Fragen und Statements für einen kurzweiligen, informativen Abend.
Generalvikar Neubrand nahm die Ausführungen von Hubert Streckert auf und betonte, dass die Kirchenentwicklung eine Reaktion auf eine dramatische Situation sei. „Unter 50 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören noch einer christlichen Kirche an.“ Die Frage sei gewesen, wie man wieder zu einer neuen Impulsbewegung kommt. Auch er habe im Jahr 2018 geschluckt, als er das erste Mal von den Plänen gehört habe. Erzbischof Stephan Burger habe ihm damals aber erklärt, dass es keine Alternative zu diesem Transformationsprozess gebe und dass es in Anbetracht der Entwicklungen einen „größeren Sprung“ geben müsse. Jetzt gebe es dafür noch die entsprechenden Kräfte vor Ort – und das nötige Geld. Einschätzungen, die auch Neubrand mittlerweile teilt, dabei unterstrich er aus ganz persönlicher Sicht: „Ich kann nur Generalvikar sein, wenn ich voll und ganz hinter der ,Kirchenentwicklung 2030‘ stehe.“ 
 
Eine Herkulesaufgabe
 
Diese Überzeugung kann man jedoch nur mit einem anderen Blick auf die Kirche gewinnen, denn, so erklärte der Generalvikar: „Wenn wir mit unserem bisherigen Kirchenbild in diesen Prozess hineingehen, dann erleiden wir Schiffbruch.“ Ein Satz, der es in sich hat und der nochmals die Herkulesaufgabe verdeutlicht, den der Prozess mit der Entstehung der Großpfarreien für all die Priester, die Diakone, die Pastoralreferenten und -referentinnen, die Gemeindereferenten und -referentinnen und all die anderen Hauptamtlichen, und natürlich auch ehrenamtlich Engagierten und Gläubigen im Erzbistum hat. 
 
Denn plötzlich anders auf die Kirche zu schauen, im Speziellen auf die Kirchengemeinde, die Pfarrei vor Ort, die einem jahrzehntelang Glaubens- und Lebensheimat war und wo man Gemeinschaft mit anderen und Gott erfahren hat, ist natürlich überaus schwierig. Im Laufe des Abends wurde das in Aussagen von Besuchern und Besucherinnen deutlich, die Fragen stellten und dabei Sätze sagten, wie „Ich kann mir das nicht vorstellen“ oder „Wie soll das gehen?“ Und es wurde auch in Sätzen von Generalvikar Neubrand deutlich wie „Es wird nicht mehr bei jedem Kirchturm auch Ministranten geben“. 
 
Die Kita kann auch Kirchort sein

Wie so ein anderer, ein neuer Blick auf Kirche aussehen kann, führte Generalvikar Christoph Neubrand an verschiedenen Stellen des Abends aus. Beispielsweise sagte er, dass Gemeinde in Zukunft nicht an einen Kirchturm oder ein Pfarrsiegel gebunden sei. „Kirche ist nicht nur dann, wenn da ein Priester oder ein Diakon ist. Kirche ist dort, wo wir Liturgie feiern, wo wir uns um unsere Ärmsten kümmern, wo wir Gemeinschaft leben.“ Auch eine katholische Kindertagesstätte, in der Erntedank und St. Martin gefeiert wird, könne ein Kirchort sein, betonte der Generalvikar.  

Immer wieder während des Abends kam das Gespräch auf das Thema Pfarrer und Priester. So wollte Chefredakteur Klaus Gaßner wissen, wie viele Bewerbungen für die Pfarrerstellen in den 36 neuen Großpfarreien eingegangen seien, und die Besucherin Jutta Fischer, die in der St.-Bernhard-Gemeinde in Karlsruhe aktiv ist, fragte den Generalvikar, was denn mit den bisherigen Pfarrern passiere.  

Bei der ersten Frage zeigte sich Christoph Neubrand als einer, der die vielen kursierenden Gerüchte über die Zahlen durchaus kennt. „Von 10 bis 120 Bewerbungen habe ich schon alles gehört“, sagte er schmunzelnd. Die Realität sehe so aus, dass „sich plus minus 60 Mitbrüder gemeldet haben, die Interesse am Großen Leitungskurs haben, den die Erzdiözese für die späteren 36 leitenden und 36 stellvertretenden Pfarrer anbietet, und dafür auch zugelassen sind“. 
 
Bei der Frage der Karlsruherin Jutta Fischer führte der Generalvikar aus, dass es in der Erzdiözese derzeit etwa 200 Mitbrüder gebe, die „Pfarreien leiten“. Wenn später nur noch 36 von ihnen die Neupfarreien leiten, gelte für die anderen: „Sie müssen nicht mehr in dutzenden Gremien sitzen und können wieder Seelsorger sein“, wie Neubrand unterstrich. „Sie können also wieder Taufkatechese betreiben, Beerdigungen leiten, können wieder anders präsent sein.“ 
Gerade darin stecken für ihn die großen Chancen des Prozesses: Dass sich die Priester und mit ihnen auch die Diakone und Pastoralreferentinnen und Gemeindereferenten eben nicht mehr um viele Verwaltungsangelegenheiten kümmern müssen, sondern vor allem seelsorgerlich tätig sein können. Ein Punkt, der auch für die Gemeindeteams gelten soll. Auch die sollen sich dann nicht um die Renovierung der Kirche kümmern oder einen Haushaltsplan erstellen müssen. 
 
"Ich sehe diesen Prozess extrem optimistisch"
 
Der anwesende stellvertretende Leiter der Gesamtkirchengemeinde Karlsruhe, Volker Deck, bekräftigte diesen Punkt.  „Ich sehe diesen Prozess extrem optimistisch“, betonte er. „Der Pfarrer muss sich jetzt eben nicht mehr um den neuen Bodenbelag im Gemeindesaal kümmern, das machen dann wir.“ So nimmt Deck bei sich im Umfeld der Verwaltung einen sehr positiven Grundgeist wahr, und bei den Verantwortlichen in den Gemeinden eine Erleichterung, dass sie vieles an eine zentrale Stelle abgeben können werden. „So können sie zu dem zurückkommen, weshalb sie sich ursprünglich mal engagiert haben.“ Auch der Generalvikar unterstrich, dass Ehrenamtliche, die in den Gemeinden aktiv sind, von vielen Dingen entlastet werden, weil diese zukünftig bei der Großpfarrei angesiedelt seien. 
 
Die Fragen aus dem Publikum zeigten die ganze Bandbreite an Veränderungen und Neuerungen, die die "Kirchenentwicklung 2030" mit sich bringt.
Ein Thema, das mit der Frage der Priester eng verbunden ist, und bei dem Forum auch besprochen wurde: Wie sieht es nach der Strukturreform mit Gottesdiensten aus? „Die Situation wird sicherlich von Pfarrei zu Pfarrei unterschiedlich sein“, sagte Generalvikar Neubrand. Einige Richtlinien gebe es jedoch: Unter anderem, dass in jeder der neuen Pfarreien – je nach Größe – zwei, drei feste Zeiten existieren sollen, wo in einer Kirche an einem bestimmten Tag Gottesdienst gefeiert wird. Eine weitere: Gemeinden sollen die Möglichkeit haben, auch eigene Gottesdienstangebote zu entwickeln. Bei der Frage nach Eucharistiefeiern sagte er: „Wir gehen davon aus, dass jeder Priester drei Eucharistiefeiern am Wochenende feiern wird, wenn er gesund ist“, erklärte er.
Die Frage nach der Gewährleistung der Eucharistie und der Sakramentalität der katholischen Kirche in der neuen Situation ist eine große Sorge, die Dekan Hubert Streckert umtreibt. „Dieser Wert ist überlebenswichtig für die Kirche“, betonte er. Dabei sagte er, dass es zu dem Prozess durchaus Alternativen gebe, beispielsweise die Zulassungsbedingungen zur Weihe zu ändern. Auch wenn er wisse, dass dies nicht in Freiburg geändert werden könne, würde er sich wünschen, dass dies stärker eingefordert werden würde. Auch vom Kirchenvolk. Man müsse sich nur einmal vorstellen, so führte Streckert aus, wenn alle 80 000 Katholiken im Dekanat Karlsruhe an einem Wochenende mal beichten wollten, dann würde man schnell etwas ändern müssen. 
 
"Dieser Gott will zu den Menschen kommen und das kann durch ‚2030‘ geschehen“

Die „Kirchenentwicklung 2030“ ist auf den ersten Blick ein Prozess, in dem Strukturen verändert werden. Dass es dabei aber vor allem um die Inhalte geht bzw. gehen muss, wurde beim Konradsblatt-Forum an vielen Stellen offensichtlich. „Dieser Gott will zu den Menschen kommen und das kann durch ‚2030‘ geschehen,“ sagte Generalvikar Christoph Neubrand. Eine Aussage, die wahrscheinlich gerade Kritiker des Prozesses anders sehen, weil sie befürchten, dass zwar Strukturen verändert werden, dadurch aber nichts gewonnen wird, sondern eher Bestehendes verloren gehen kann. Der Priester und Religionslehrer Bechthold brachte die Herausforderung der Zukunft auf den Punkt: „Die neue Form braucht Inhalte. Und wir müssen es schaffen, die Inhalte wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen, damit Gottesbegegnung geschehen kann.“ 

Genau diese Inhalte zu füllen, darauf freut sich der Bruchsaler Dekan Lukas Glocker. Bei ihnen in Bruchsal, bald die größte Pfarrei im Südwesten, gehe es derzeit noch darum, ein Bewusstsein zu schaffen für die Reform und dabei die Menschen mitzunehmen und zu motivieren. Oft erlebt Lukas Glocker auch Skepsis und Misstrauen. So wie sich Generalvikar Neubrand für das Ablegen des alten Kirchenbildes ausspricht, meint auch Glocker, dass diese Nostalgie, wie toll es früher gewesen sei, nicht weiterhilft. Er selbst ist überaus hoffnungsvoll. „Wir haben so viele Gestaltungsfreiräume, da freuen wir uns riesig darauf.“  Dass bei der neuen Gestaltung in den Großpfarreien die Jugend nicht vergessen wird, mahnten die Schülerinnen des Dominikus-Gymnasiums in mehreren Redebeiträgen an, die auch mit Zwischenapplaus bedacht wurden.
Insgesamt zeigte sich bei dem Abend in mehreren Aussagen ein optimistischer Blick in die Zukunft und auf den Prozess „Kirchenentwicklung 2030“. Was nicht bedeutete, dass die Gegenwart mit den drastischen rückläufigen Zahlen ausgeblendet wurde. Einfache Antworten auf Fragen wie „Wie bekommen wir wieder mehr Menschen in die Kirche?“ gibt es jedoch nicht, so sehr man sich diese auch wünschen würde.
 
Auch eine Gotteskrise
 
Der Generalvikar erinnerte in diesem Zusammenhang an eine Allensbach-Studie von vor zwei Jahren. Diese konstatierte nicht nur eine Institutionenkrise, sondern auch eine Gotteskrise. Das brachte den Widerspruch von der Karlsruherin und früheren FDP-Bundestagsabgeordneten Rita Fromm hervor, die andere Erfahrungen in ihrem Umfeld macht. „Die Menschen haben doch eine Sehnsucht nach Gott“, betonte sie und erinnerte an die Freikirchen in Karlsruhe, in denen viele junge Menschen beheimatet seien. Und sie fügte hinzu: „Die Menschen suchen nach Gott, aber sie finden ihn nicht in der Organisation Kirche.“ Sie schloss ihre Aussage mit der Frage. „Wir müssen uns verändern, aber was ändert sich im Ordinariat? Ändern sich da auch die Strukturen, dass die Domherren hinausgehen und Seelsorge betreiben?“ 
Eine Frage, die letztlich unbeantwortet blieb. So wurden bei dem Forum viele weitere Themen gestreift: die Arbeit der Projektkoordinatoren, wie sieht die ehrenamtliche Gemeindeleitung vor Ort aus, wie werden Ehrenamtliche für Leitungsaufgaben qualifiziert, wie honoriert, was ist das VEG, das Vorfeld-Entscheidungs-Gesetz, und viele andere Bereiche, die von dem Prozess betroffen sind. Schließlich zeigte der Abend: 90 Minuten reichen bei Weitem nicht, um so einen komplexen Prozess wie die „Kirchenentwicklung 2030“ zu durchdringen. Einige Unklarheiten beseitigen kann man trotzdem. Und auch Vertrauen gewinnen. 

„Der Generalvikar hat sehr ehrlich geantwortet“, befand eine Besucherin nach dem Forum. Erschüttert habe sie aber eine seiner Aussage. „Als er gesagt hat, dass er mindestens einmal beschimpft werde, wenn er 15 Minuten mit der Straßenbahn fahre, da sieht man doch, wie schlimm es um die Kirche in der Gesellschaft aussieht und welchen Druck auch die Verantwortlichen spüren.“  
Auch die Pfarrgemeinderätin Elisabeth Serr aus Geroldsau in Baden-Baden fand den Abend bereichernd. Ein, zwei Fragen hätte sie aber noch gehabt. Beispielsweise jene, was das Erzbistum tut, um den Priesterberuf attraktiver zu machen. Vielleicht wird eine der Fragen ja an einem anderen Ort im Erzbistum beim nächsten Konradsblatt-Forum gestellt werden. Denn es wird sicherlich nicht das letzte seiner Art gewesen sein. 
 
Von Daniel Gerber