Einfach nur blättern und lesen

18.07.2023 |

Im Erzbistum Freiburg gibt es rund 250 Katholische Öffentliche Büchereien (KÖB). Sie haben eine wichtige Funktion für die Förderung der Lesekompetenz und sind darüber hinaus auch ein beliebter sozialer Treffpunkt.

Die eigene Freude an Büchern und am Lesen führte Ute Thomann zu ihrem Dienst in der ökumenischen Bücherei in Karlsruhe-Oberreut.
 
Es ist zwar schon einige Zeit her, aber bei Ute Thomann hat sich diese Episode fest eingeprägt: Sie hatte Dienst in der kirchlichen Bücherei des Ökumenischen Gemeindezentrums im Karlsruher Stadtteil Oberreut, als ein Grundschüler den Raum betrat und sich etwas ratlos umschaute. Auf die Frage, wie sie ihm helfen könne, gab er die schlichte Antwort: „Ich hätte gerne ein Buch.“ Es dauerte einige Momente und einige Nachfragen, bis Ute Thomann das Problem des Jungen verstand. In der Schule hatte er die Aufgabe bekommen, bis zu einer der nächsten Deutschstunden ein Buch vorzustellen. Allerdings besaß er selbst zu Hause kein Einziges. Deshalb fragte er in der kirchlichen Bücherei so allgemein nach „einem“ Buch. „Das war eine schwierige Erfahrung“, sagt Ute Thomann, die sich natürlich sofort gemeinsam mit dem Jungen auf die Suche machte. „Solche Kinder brauchen zuallererst Bücher, die Spaß machen, damit sie ins Lesen kommen“, betont sie. „Lesekompetenz ist doch so wichtig.“
 
Zwischen Hörspiel-CDs, großformatigen Kindersachbüchern der „Was-ist-was“-Reihe und Klassikern der Asterix-Comics sitzt Ute Thomann auf einem der kleinen Stühle, die in der Ecke der Bücherei aufgestellt sind. Bis zur Öffnung am späten Nachmittag ist noch etwas Zeit. Sämtliche Bücher und Medien der Oberreuter Einrichtung befinden sich in einem einzigen Raum. Er ist nicht gerade ausladend, bietet aber genug Platz , um ein vielfältiges Angebot sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene bereitzustellen. „Wir sind klein, aber fein“, betont Ute Thomann.
 
Die Büchereien stehen und fallen mit dem Engagement von Ehrenamtlichen-Teams
 
Zugegeben, die Geschichte mit dem Jungen ohne eigenes Buch kann nicht verallgemeinert werden. Sie hat auch mit dem Ort zu tun, an dem sie sich zugetragen hat. Der Mitte der 1960er- Jahre entstandene Karlsruher Stadtteil Oberreut ist überaus lebendig und bunt. Menschen aus rund 100 Nationen leben hier zusammen. Aber es ist eben auch ein sozialer Brennpunkt, ein Stadtteil, in dem es für viele Bewohnerinnen und Bewohner gerade so zum Leben reicht. Oder auch nicht. Im Gemeindezentrum, das von vorneherein ökumenisch geplant und gebaut wurde, ist auch ein Tafelladen untergebracht. Umso wichtiger ist in diesem Umfeld die Präsenz der kirchlichen Bücherei, die längst auch zu einem Ort der Begegnung geworden ist. Neben Büchern werden hier zwar auch Gesellschaftsspiele und CDs verliehen, aber keine Computerspiele. „Wir haben uns ganz bewusst dagegen entschieden“, sagt Ute Thomann. „Unser Fokus liegt auf der Lesekompetenzvermittlung.“ 
 
Wenn Ute Thomann „wir“ sagt, dann meint sie das 14-köpfige Team von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die das Projekt seit vielen Jahren gemeinsam stemmen. Die Dienste während der wöchentlich drei, jeweils einstündigen Öffnungszeiten zu besetzen, ist dabei das kleinste Problem, wie sie betont. Das gilt ungeachtet von zuletzt 4600 Entleihungen im Jahr. Stärker ins Gewicht fallen Verwaltungsaufgaben, das Einbinden der Titel in den Internetkatalog, die Öffentlichkeitsarbeit, die permanent betrieben werden muss und nicht zuletzt natürlich die Auswahl von Neuanschaffungen. Die Trägerschaft der kirchlichen Bücherei liegt bei den beiden örtlichen Pfarrgemeinden, der katholischen Gemeinde St. Thomas Morus und der evangelischen Versöhnungsgemeinde, die beide einen festen jährlichen Betrag zur Finanzierung beisteuern. Dazu kommen regelmäßige Zuschüsse von der Fachstelle Kirchliches Büchereiwesen im Erzbistum Freiburg sowie Spenden und Einnahmen durch Aktionen bei Veranstaltungen der Gemeinden. Letztendlich aber hängt die Einrichtung im Ökumenischen Gemeindezentrum Oberreut komplett am Einsatz der Ehrenamtlichen.
 
Viele Eltern mit Kindern gehören zu den Stammkunden der Bücherei im Ökumenischen Zentrum Oberreut.
 
Letzteres gilt für alle kirchlichen Büchereien im Erzbistum Freiburg. Es sind ziemlich genau 250, in der Regel befinden sie sich in katholischer Trägerschaft. Der Trend ist stabil, wie Sabine Piontek vom Fachbereich Kirchliches Büchereiwesen im Erzbistum Freiburg betont. Es gebe einzelne Schließungen, auf der anderen Seite aber auch immer wieder Anfragen, neue Büchereien einzurichten oder ruhende Einrichtungen wiederzueröffnen. Ein Problem sei freilich die Schwierigkeit, Nachfolger für bestehende ehrenamtliche Büchereiteams zu finden. „Auch die Büchereien spiegeln die Entwicklung in der Gesellschaft“, so die Expertin. Bei klar abgesteckten Aufgabengebieten und einem absehbaren Zeitrahmen sei es aber trotzdem möglich, neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen. Auch der Wunsch, die eigenen Kinder für die Bücherei und das Lesen zu begeistern, könne Motivation für ein solches Engagement sein. 
 
Ute Thomann gehört schon seit 2005 zum Team der Kirchlichen Bücherei in Oberreut. Bei ihr war es schlicht die eigene Freude an Büchern und am Lesen, die sie weitergeben wollte – auch als Ergänzung zu ihrem technisch geprägten Beruf. Dass zu den Kunden der Oberreuter Bücherei viele junge Familien mit Kindern gehören, kommt der studierten Kartografin ebenfalls entgegen. „Sie bringen in der Regel ein großes Interesse an Bilderbüchern und Erstlesebüchern mit“, sagt sie. „Das ist eine gute Grundlage zur Förderung der Lesekompetenz.“
 
Der Kontakt der Oberreuter Bücherei zu Kindern und Jugendlichen ist freilich kein Selbstläufer. Er kommt auch und gerade dadurch zustande, dass das Team aktiv auf die Schulen und Kindergärten im Stadtteil zugeht. An drei Vormittagen im Monat ist eine Schulklasse in der Bücherei zu Gast. In diesem Jahr stehen 18 Besuche von Klassen der Jahrgangsstufen eins bis sieben auf dem Programm. Jedes Kind darf sich ein Buch aussuchen. „Wir bieten allen an, sich einen Ausweis machen zu lassen“, sagt Ute Thomann. „Im besten Fall kommen die Kinder dann später allein.“ Auch durch die Coronazeit hindurch konnten diese Kontakte aufrechterhalten werden – dadurch, dass das Team Bücherkisten packte und eigenhändig in die Schulen brachte. Zudem ist das Büchereiteam immer wieder im Leben der beiden Gemeinden präsent, ebenso bei Veranstaltungen im Stadtteil. 
 
Auch Gesellschaftsspiele sind ein viel genutztes Angebot der kirchlich getragenen Büchereien.
All das lässt erahnen, wie vielfältig die Aufgaben sind, die von engagierten Büchereiteams landauf, landab zu bewältigen sind. Zentral ist natürlich auch die Auswahl neuer Angebote. Eine wichtige Hilfe sind dabei die Vorschläge des Borromaeusvereins, des Dachverbandes der Katholischen Öffentlichen Büchereien in Deutschland. Darüber hinaus spielen aber auch eigene Entdeckungen und Beobachtungen von Trends im Ausleihverhalten eine Rolle. Bei den Kindern seien Sachbücher – beispielsweise über Tiere oder Fußball – ebenso wichtig wie Bilderbücher, Fantasy-Geschichten und Hörspiel-CDs, stellt Ute Thomann fest. Erwachsene suchten oft nach Krimis, aber auch nach Biografien. In diesem Jahr sei beispielsweise auch ein Buch über Queen Elisabeth äußerst begehrt. Als regelrechter „Renner“ erwiesen sich zuletzt die sogenannten Tonieboxen. Das sind weiche würfelförmige Tonabspielgeräte für Kinder mit sehr einfacher Bedienung zur Wiedergabe von Musik oder anderen Audioinhalten. „Wir haben 14 Stück“, so Ute Thomann. „12 sind aktuell verliehen.“ 
 
Die Katholischen Öffentlichen Büchereien bewegen sich längst auf der Höhe der Zeit
 
Dass der Anschaffung neuer Bücher und Medien allein schon aus Platzgründen das Aussortieren überkommener Materialien folgen muss, versteht sich fast von selbst. Ein wichtiges Kriterium ist dabei das Alter der Medien. „Sie werden hier kaum ein Buch finden, das älter als zehn Jahre ist“, betont Ute Thomann. Aber natürlich bestätigen auch hier die Ausnahmen die Regel. Die Harry-Potter-Bücher verschwinden ebenso wenig aus den Regalen der Ökumenischen Bücherei in Oberreut wie die fast schon „ewigen“ Werke von Astrid Lindgren, Otfried Preußler oder die Asterix-Klassiker. „Aber man muss auch auf örtliche Trends achten“, unterstreicht Ute Thomann. „Hier bei uns gibt es viele Russlanddeutsche, die oft eine andere Neigung haben als wir Pippi-Langstrumpf-Deutsche.“ 
 
Der zentrale Ansprechpartner für die Ehrenamtlichen in den kirchlichen Büchereien ist der Fachbereich Kirchliches Büchereiwesen im Erzbistum Freiburg, der von Christina Maria Zähringer geleitet wird. Fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort haben den Ausbildungskurs absolviert, der regelmäßig von der Fachstelle angeboten wird. Dazu kommen Weiterbildungsangebote und nicht zuletzt die regelmäßigen diözesanen Büchereitage mit Vorträgen und Workshops. Der Büchereitag 2023 findet an diesem Wochenende in der Katholischen Akademie in Freiburg statt. Dass auch Erzbischof Stephan Burger zu den Gästen der Veranstaltung gehört, ist ein Hinweis auf den Stellenwert, der den katholischen Büchereien auch aus Sicht der Bistumsleitung zukommt. Zu den Trends und Herausforderungen, die zwei Tage lang thematisiert werden, gehört die Funktion der Büchereien in den künftigen neuen Pfarreien, ebenso wie die Frage der Gewinnung Ehrenamtlicher in Zeiten des gesellschaftlichen und kirchlichen Wandels, Aber auch die Kooperation mit Kindergärten und ein Blick auf eine Auswahl neuer Kinder- und Jugendbücher, die so gehaltvoll und spannend daherkommen, dass Kinder und Jugendliche dafür auch ihre Smartphones und Tablets zur Seite legen und einfach nur blättern und lesen wollen. Bedruckte Seiten aus Papier. Was die Digitalisierung ihrer Angebote angeht, sind die kirchlichen Büchereien in der Regel auf der Höhe der Zeit. Auch die Einrichtung in Oberreut verfügt seit Längerem über einen Online-Katalog – sprich: Jeder und jede kann per App im Internet alle Titel einsehen, ebenso das eigene Konto mit Abgabeterminen und der Möglichkeit, Ausleihzeiten online zu verlängern.
 
Wie überhaupt sich das Image der Katholischen Öffentlichen Büchereien stark gewandelt hat. Wurden sie früher von außen meist mit einem Angebot etwas verstaubter „frommer“ Bücher in Verbindung gebracht, gehen heute alle ganz selbstverständlich davon aus, dass es dort natürlich religiöse Bücher gibt, daneben aber viele andere Themen und Trends abgedeckt werden. Auch mit der „Konkurrenz“ der kommunalen Büchereien können die KÖBs gut umgehen. Zum Beispiel dadurch, dass sie sich mit ihrem Angebot und mit ihrem Service ganz bewusst auf Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter konzentrieren. Sabine Piontek von der Fachstelle Büchereiwesen weist freilich darauf hin, dass es gerade im ländlichen Raum oftmals ausschließlich katholische Büchereien gibt, die zudem noch als wichtige soziale Treffpunkte am Ort fungieren. So wie in Karlsruhe-Oberreut, auch wenn das Umfeld hier alles andere als ländlich ist. Punkt 17 Uhr öffnet Ute Thomann die Tür zur Bücherei. Und es wird bald eng in dem kleinen Raum. Ein Jugendlicher greift sich ebenso schnell wie zielsicher ein Buch, zeigt seinen Ausweis und lässt die Ausleihe eintragen. Ein junger Vater und seine kleine Tochter stöbern bei den Bilderbüchern, eine Mutter und ihre Tochter sind bei den leicht lesbaren Geschichten für Kinder im Grundschulalter fündig geworden. Für diese Eltern, Kinder und Jugendlichen ist das Lesen und der Umgang mit Büchern ganz offensichtlich nichts Ungewohntes, sondern etwas, das selbstverständlich dazugehört, wenn es um die Gestaltung der Freizeit geht. Das gilt auch und gerade dank der Präsenz der ökumenisch getragenen kirchlichen Bücherei im Stadtteil.
 
Michael Winter
Info
Bei Interesse an der kirchlichen Büchereiarbeit informiert der Fachbereich Büchereiwesen:
 
Karlsruher Straße 3,
8. OG, 79108 Freiburg,
Telefon (07 61) 7 08 62-20,
 
Alle Infos und Kontaktpersonen im Internet unter: www.nimm-und-lies.de