Große Ängste

16.04.2024 |

Zu viele Menschen in Deutschland sind von Armut gefährdet

17,7 Millionen Menschen in Deutschland sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Dies gab das Statistische Bundesamt kürzlich bekannt. Das sind 21,2 Prozent der Bevölkerung. Ein Fünftel also. Die Statistiker hatten Ergebnisse einer europäischen Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen ausgewertet.
 
Erschreckende und traurige Zahlen. Im letzten Jahrzehnt ist die Zahl um sechs Prozentpunkte gestiegen. Wer sind die Betroffenen? Natürlich, wie immer und vorneweg – die Alleinerziehenden, Migranten, Rentner. Und – noch einmal ein natürlich – die meisten von ihnen sind Frauen. Die beste Lobby haben diese Bevölkerungsgruppen nicht. Eher überhaupt keine, mit Ausnahme der Sozialverbände und der Kirchen.
 
Wichtig ist beim Blick auf die Statistik auch: Sie sagt nicht, dass ein Fünftel der Gesellschaft arm oder ausgegrenzt ist. Und unter die hohe Prozentzahl der Armutsgefährdeten fallen auch die meisten Studierenden, weil sie nicht auf ein Nettoeinkommen von 1300 Euro im Monat kommen. Arm fühlen werden sich wohl die meisten Studenten und Studentinnen nicht. 
 
Sie kennen damit genau das bestimmende Gefühl nicht, das die anderen eint. Dieses Gefühl: „Ich gehöre nicht dazu.“ Ich kann nicht in dem hippen Lokal am Freitagabend sitzen, und ich kann auch nicht schnell in den Bio-Markt nebenan einkaufen gehen, wenn mein Kühlschrank leer ist. Fotos von meiner Kreuzfahrt kann ich bei Instagram nicht posten, auch nicht vom zweiwöchigen Urlaub an der Nordsee.
 
Was passiert mit Menschen, die das Gefühl haben, am Rande zu stehen, ausgegrenzt zu sein? Auf jeden Fall einmal verlieren sie das Vertrauen in die regierenden Parteien. Eine Umfrage ergab vor wenigen Tagen, dass SPD, Grüne und FDP einen massiven Vertrauensverlust vor allem bei Milieus der unteren Mittelschicht und der Unterschicht erleben. Aber nicht nur die: Auch die Union erlebt diesen Vertrauensverlust. 
 
Mit dem Vertrauensverlust gehen Frustration und Wut einher. Zwei Gefühle, die den Nährboden für radikale und populistische Parolen gefährlich anreichern. Armutsängste sind somit perfekte Brandbeschleuniger für Parteien wie die AfD. Diese Ängste zu bekämpfen, ist eine der gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Auch für die Kirchen. Das Wort des Papstes vor genau zehn Jahren, als er aufrief, an die Ränder zu gehen, es müsste erweitert werden: „Geht auch an die VorRänder, denn auch ihre Ängste sind groß.“ 
 
Daniel Gerber