Bittere Wahrheiten

29.01.2024 |

Missbrauch geht weit über die Räume der Kirchen hinaus

Wer die Kirche liebt, leidet. Leidet vor allem mit den vielen, denen von Tätern und rund um die Kirche Missbrauch angetan wurde. Der leidet aber auch an der Kirche, deren Strukturen eine Art Schutzschild waren für einen schrecklichen Missbrauch an Vertrauen. Das gilt für die römisch-katholische Kirche in Deutschland, und das gilt auch für die evangelische Kirchen in Deutschland: Jetzt ist es schwarz auf weiß hinterlegt, dass sich das Ausmaß des Grauens kaum zwischen beiden Volkskirchen unterscheidet. 

Es ist überfällig, dass die evangelische Kirche jetzt ihr Gutachten vorgelegt hat. Allzu lange hat man mehr oder weniger, laut oder leiser, anklagend und kopfschüttelnd auf die Glaubensbrüder geschaut und derem langwierigen und komplexen Aufarbeitungsprozess zugesehen. Heute erscheint das lähmende und oft gescholtene Vorgehen der Deutschen Bischofskonferenz in einem etwas anderen Licht: Der Prozess der umfassenden MGH-Studie, und der noch längst nicht ganz abgeschlossenen Verfeinerungen in den Diözesen erfolgte geradezu im Jet-Tempo im Vergleich zur lauen Brise, auf der jetzt eine Untersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland herbeiwehte, die sich auf weit weniger Aktenmaterial stützt als die katholischen Vorarbeiten. Das Schlimmste jedoch an dieser Erkenntnis: Weder das römisch-katholische Mühen noch das evangelische sind hinreichend im Erfassen, Verstehen und vor allem Bekämpfen des Missbrauchs, der noch immer täglich und stündlich an den Schwächsten geschieht. „Missbrauch“ ist eine gesellschaftliche Erscheinung, ein Phänomen, das viele begünstigende Faktoren hat, das sich in vielen dunklen Winkeln der Abhängigkeiten einnisten konnte. Im Sport, in der Kultur. Nicht zuletzt in den Familien. Und in den Kirchen.

Dabei stehen die Kirchen in besonderem Licht. Als Instanzen, die helfend und verzeihend wirken wollen, die leidenden Menschen zur Seite stehen. Jetzt muss ihnen selbst geholfen, muss ihnen selbst „verziehen“ werden und manche mögen sich nicht mehr an ihre Seite stellen. Mehr und mehr müssen sich Politik und Gesellschaft jetzt aber auch fragen, was die wohlfeile Forderung nach „Aufarbeitung“ eigentlich umfassen soll. Die grundsolide öffentliche Dokumentation ist der richtige, der nötige Weg. Intervention und Prävention aus diesen Erkenntnissen zu verbessern, sind die nötigen Konsequenzen. Allerdings: Für alle Bereiche von Staat und Gesellschaft.                      
 
Klaus Gaßner