Papst Leo XIV. hat sein erstes offizielles Lehrschreiben veröffentlicht
09.10.2025 |
Im Text geht es um die verschiedenen Facetten der Armut - materiell, sozial, moralisch wie geistlich, kulturell, arm an Rechten oder Freiheit - und darum, dass sie auch in westlichen Ländern zunimmt. Es geht zugleich um den Einsatz für soziale Gerechtigkeit durch Menschen und Institutionen in der katholischen Kirchengeschichte und um den Aufruf an alle Christen, diesen Einsatz fortzuführen. Bis hin zu einer grundsätzlichen Kapitalismuskritik.
Fordert mehr Aufmerksamkeit für die Armen der Welt: Papst Leo XIV.
Insbesondere prangert Leo XIV. die Zunahme des Reichtums ohnehin schon reicher Eliten an. Auf das Individuum zentrierte Gesellschaften, in denen Probleme anderer als störend empfunden werden, bezeichnet er als krank. Dabei nimmt er auch Christen und christliche Gemeinschaften kritisch in den Blick, die den ganzheitlichen Aspekt der Religion außer Acht ließen, sich auf Gebet und Verkündigung beschränken und es Regierungen überlassen wollten, Armut zu bekämpfen.
Kritik an Seelsorge für Eliten
"Manchmal werden auch pseudowissenschaftliche Kriterien herangezogen, wenn etwa gesagt wird, dass der freie Markt von selbst zur Lösung des Problems der Armut führen werde", kritisiert der gebürtige US-Amerikaner. "Oder man optiert sogar für eine Seelsorge der sogenannten 'Eliten' und behauptet, dass man, statt Zeit mit den Armen zu verschwenden, sich besser um die Reichen, Mächtigen und Berufstätigen kümmern sollte, um durch diese zu wirkungsvolleren Lösungen zu gelangen." Leo XIV. fordert in dem Dokument: "Die Strukturen der Ungerechtigkeit müssen mit der Kraft des Guten erkannt und zerstört werden, durch einen Gesinnungswandel, aber auch mit Hilfe der Wissenschaften und der Technik, durch die Entwicklung wirksamer politischer Maßnahmen zur Umgestaltung der Gesellschaft." Sein Appell an die Christen lautet, sich für die Veränderung ungerechter sozialer Strukturen einzusetzen und zugleich armen Menschen mit einfachen, sehr persönlichen und unmittelbaren Gesten zu helfen. Christliche Liebe vollbringe Wunder, kenne keine Grenzen und sei vor allem eine Lebensweise, so Leo XIV.
Nah an Lateinamerikas Befreiungstheologie
Auffällig in dem Dokument sind die Anknüpfungen an Texte des lateinamerikanischen Episkopats und der Befreiungstheologie im Umgang mit den Armen. Die von ihr geprägte Begrifflichkeit einer "Option für die Armen" taucht elfmal in dem Dokument auf. Dort heißt es: "Es ist also gut nachvollziehbar, warum man auch theologisch von einer vorrangigen Option Gottes für die Armen sprechen kann, ein Ausdruck, der im Kontext Lateinamerikas, speziell bei der Vollversammlung von Puebla, aufgekommen ist, der aber im nachfolgenden Lehramt der Kirche gut integriert ist." Das Pontifikat des Argentiniers Franziskus war geprägt von einer praktischen Umsetzung dieser Theologie, die Arme und Ausgegrenzte in den Mittelpunkt rückt. Leo XIV., der selbst lange Zeit in Peru wirkte, begibt sich hier in die Fußstapfen seines lateinamerikanischen Vorgängers.
Meilensteine für die Kirche
Die prägenden Versammlungen der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín, Puebla, Santo Domingo und Aparecida bezeichnet Leo XIV. als wichtige Meilensteine für die gesamte Kirche und schreibt: "Ich selbst, der ich viele Jahre als Missionar in Peru tätig gewesen bin, verdanke diesem Weg der Unterscheidung in der Kirche, den Papst Franziskus klug mit dem Weg anderer Teilkirchen, insbesondere im globalen Süden, zu verbinden wusste, sehr viel."
Seitenhieb auf Stimmen in den USA
Leo XIV. betont seine Kontinuität mit dem in der Weltkirche lange umstrittenen lateinamerikanischen Weg sowie mit seinem Vorgänger Franziskus. Er zitiert aus dem Schlussdokument der Bischofsversammlung in Medellín von 1968 und nimmt in seine Ausführungen auch einen der prägendsten Sätze des letzten Papstes mit auf: Es sei notwendig, so Leo XIV., weiterhin die "Diktatur einer Wirtschaft, die tötet" anzuprangern. Und mit kaum verhohlenem Seitenhieb auf theologische Strömungen in seinem Heimatland argumentiert der US-Amerikaner: Obwohl es nicht an Theorien fehle, die versuchten, den aktuellen Zustand zu rechtfertigen, oder erklärten, dass die wirtschaftliche Vernunft von uns verlange, darauf zu warten, dass die unsichtbaren Kräfte des Marktes alles lösten, sei die Würde eines jeden Menschen jetzt und nicht erst morgen zu respektieren. "Das Elend so vieler Menschen, deren Würde negiert wird, muss ein ständiger Appell an unser Gewissen sein."
Auch Christen ließen sich oft von weltlichen Ideologien oder politischen und wirtschaftlichen Orientierungen anstecken, die zu ungerechten Verallgemeinerungen und abwegigen Schlussfolgerungen führten, schreibt Leo XIV. weiter. Er warnt: "Die Tatsache, dass praktizierte Nächstenliebe verachtet oder lächerlich gemacht wird, als handle es sich um die Fixierung einiger weniger und nicht um den glühenden Kern der kirchlichen Sendung, bringt mich zu der Überzeugung, dass wir das Evangelium immer wieder neu lesen müssen, um nicht Gefahr zu laufen, dass eine weltliche Gesinnung an seine Stelle tritt."
Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) dokumentiert im Folgenden ausgewählte zentrale Passagen des Schreibens:
3. (...) Da ich dieses Projekt gewissermaßen als Erbe [von Papst Franziskus, Anm.] erhalten habe, freue ich mich, es mir - unter Hinzufügung einiger Überlegungen - zu eigen zu machen und es noch in der Anfangsphase meines Pontifikats vorzulegen. Ich teile den Wunsch meines verehrten Vorgängers, dass alle Christen den tiefen Zusammenhang zwischen der Liebe Christi und seinem Ruf, den Armen nahe zu sein, erkennen mögen. (...)
5. Der Kontakt mit denen, die keine Macht und kein Ansehen haben, ist eine grundlegende Form der Begegnung mit dem Herrn der Geschichte. In den Armen hat er uns auch weiterhin noch etwas zu sagen.
7. (...) Ich bin überzeugt, dass die vorrangige Option für die Armen eine außerordentliche Erneuerung sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft bewirkt, wenn wir dazu fähig sind, uns von unserer Selbstbezogenheit zu befreien und auf ihren Schrei zu hören.
8. (...) Wenn wir also den Schrei der Armen hören, sind wir aufgerufen, mit dem Herzen Gottes zu fühlen, der sich um die Nöte seiner Kinder und besonders der Bedürftigsten kümmert. Bleiben wir hingegen diesem Schrei gegenüber gleichgültig, würde der Arme gegen uns zum Herrn schreien, und eine Sünde läge auf uns (...)
9. Die Lebenssituation der Armen ist ein Schrei, der in der Geschichte der Menschheit unser eigenes Leben, unsere Gesellschaften, die politischen und wirtschaftlichen Systeme und nicht zuletzt auch die Kirche beständig hinterfragt. Im verwundeten Gesicht der Armen sehen wir das Leiden der Unschuldigen und damit das Leiden Christi selbst. Zugleich sollten wir vielleicht besser von den vielen Gesichtern der Armen und der Armut sprechen, weil es sich um eine facettenreiche Problematik handelt. Es gibt nämlich viele Formen der Armut: die derjenigen, denen es materiell am Lebensnotwendigen fehlt, die Armut derer, die sozial ausgegrenzt sind und keine Mittel haben, um ihrer Würde und ihren Fähigkeiten Ausdruck zu verleihen, die moralische und geistliche Armut, die kulturelle Armut, die Armut derjenigen, die sich in einer Situation persönlicher oder sozialer Schwäche oder Fragilität befinden, die Armut derer, die keine Rechte, keinen Raum und keine Freiheit haben.
11. Mit dem konkreten Engagement für die Armen muss auch ein Mentalitätswandel einhergehen, der sich auf kultureller Ebene bemerkbar macht. Die Illusion, dass ein Leben in Wohlstand glücklich macht, führt viele Menschen nämlich zu einer Lebenseinstellung, die auf Ansammlung von Reichtum und sozialen Erfolg um jeden Preis ausgerichtet ist, auch wenn dies auf Kosten anderer geschieht und man dabei von ungerechten gesellschaftlichen Idealen bzw. politisch-wirtschaftlichen Verhältnissen profitiert, die die Stärkeren begünstigen. So sehen wir in einer Welt, in der es immer mehr arme Menschen gibt, paradoxerweise auch die Zunahme einiger reicher Eliten, die in einer Blase sehr komfortabler und luxuriöser Bedingungen leben, beinahe in einer anderen Welt im Vergleich zu den einfachen Menschen.
15. Auch Christen lassen sich oft von weltlichen Ideologien oder politischen und wirtschaftlichen Orientierungen anstecken, die zu ungerechten Verallgemeinerungen und abwegigen Schlussfolgerungen führen. Die Tatsache, dass praktizierte Nächstenliebe verachtet oder lächerlich gemacht wird, als handele es sich um die Fixierung einiger weniger und nicht um den glühenden Kern der kirchlichen Sendung, bringt mich zu der Überzeugung, dass wir das Evangelium immer wieder neu lesen müssen, um nicht Gefahr zu laufen, dass eine weltliche Gesinnung an seine Stelle tritt. Wenn wir nicht aus dem lebendigen Strom der Kirche herausfallen wollen, der dem Evangelium entspringt und jeden Moment der Geschichte fruchtbar werden lässt, dürfen wir auf gar keinen Fall die Armen vergessen.
17. (...) Denn man kann nicht beten und Opfer darbringen, während man die Schwächsten und Ärmsten unterdrückt. Von Anfang an macht die Heilige Schrift die Liebe Gottes durch den Schutz der Schwachen und Bedürftigen mit solcher Intensität sichtbar, dass man von einer Art "Schwäche" Gottes ihnen gegenüber sprechen könnte. (...)
21. (...) Und die Kirche, wenn sie Kirche Christi sein will, muss eine Kirche der Seligpreisungen sein, eine Kirche, die den Kleinen Raum schafft, die arm und zusammen mit den Armen auf dem Weg ist, und die ein Ort ist, an dem die Armen einen privilegierten Platz haben.
23. Oft frage ich mich, warum trotz solcher Klarheit der Heiligen Schrift in Bezug auf die Armen viele weiterhin glauben, sie könnten die Armen ausblenden.
72. Für den christlichen Glauben ist die Unterweisung der Armen keine Gefälligkeit, sondern eine Pflicht. Die Kleinen haben ein Recht auf Wissen, das wesentlich zur Anerkennung ihrer Menschenwürde gehört. Sie zu unterrichten bedeutet, ihre Würde geltend zu machen und ihnen die Mittel an die Hand zu geben, um ihre Lebenssituation zu verändern. In der christlichen Tradition gilt Wissen als ein Geschenk Gottes und als eine gemeinschaftliche Verantwortung. Die christliche Erziehung bildet nicht bloße Fachleute heran, sondern Menschen, die für das Gute, das Schöne und die Wahrheit offen sind.
75. Die Tradition des kirchlichen Engagements für und mit Migranten geht weiter und heute kommt dieser Dienst in Initiativen wie Aufnahmezentren für Flüchtlinge, Missionsstationen an den Grenzen, den Bemühungen der Caritas Internationalis und anderer Institutionen zum Ausdruck. Das heutige Lehramt spricht sich sehr für dieses Engagement aus.
92. Es ist daher notwendig, weiterhin die "Diktatur einer Wirtschaft, die tötet", anzuprangern [Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 2013] (...) Obwohl es nicht an Theorien fehlt, die versuchen, den aktuellen Zustand zu rechtfertigen, oder erklären, dass die wirtschaftliche Vernunft von uns verlangt, darauf zu warten, dass die unsichtbaren Kräfte des Marktes alles lösen, ist die Würde eines jeden Menschen jetzt und nicht erst morgen zu respektieren. Das Elend so vieler Menschen, deren Würde negiert wird, muss ein ständiger Appell an unser Gewissen sein.
94. Wir müssen uns immer mehr dafür einsetzen, die strukturellen Ursachen der Armut zu beseitigen. (...)
95. (...) Die Frage, die wiederkehrt, ist stets dieselbe: Sind die weniger Begabten keine Menschen? Haben die Schwachen nicht die gleiche Würde wie wir? Sind diejenigen, die mit weniger Möglichkeiten geboren wurden, als Menschen weniger wert und müssen sich damit begnügen, bloß zu überleben? Von der Antwort, die wir auf diese Fragen geben, hängt der Wert unserer Gesellschaften ab (...).
104. Christen dürfen die Armen nicht bloß als soziales Problem betrachten: Sie sind eine "Familienangelegenheit". Sie gehören "zu den Unsrigen". Die Beziehung zu ihnen darf nicht auf eine Tätigkeit oder eine amtliche Verpflichtung der Kirche reduziert werden. (...)
105. Die vorherrschende Kultur zu Beginn dieses Jahrtausends tendiert stark dazu, die Armen ihrem Schicksal zu überlassen, sie nicht für beachtenswert und noch weniger für schätzenswert zu halten. In der Enzyklika "Fratelli tutti" hat Papst Franziskus uns aufgefordert, über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (vgl. Lk 10,25-37) nachzudenken, um genau diesen Aspekt zu vertiefen. In dem Gleichnis sehen wir nämlich, dass diejenigen, die an jenem verwundeten und am Straßenrand liegenden Mann vorbeikommen, unterschiedliche Haltungen an den Tag legen. Nur der barmherzige Samariter nimmt sich seiner an. (...)
109. Wenn es richtig ist, dass die Armen von denen unterstützt werden, die über wirtschaftliche Mittel verfügen, dann gilt mit Sicherheit auch das Umgekehrte. Dies ist eine überraschende Erfahrung, die durch die christliche Tradition bezeugt wird und die zu einer echten Wende in unserem persönlichen Leben wird, wenn wir uns bewusstwerden, dass gerade die Armen es sind, die uns das Evangelium lehren.
111. Das Herz der Kirche ist ihrem Wesen gemäß solidarisch mit denen, die arm, ausgegrenzt und an den Rand gedrängt sind, mit denen, die als "Abfall" der Gesellschaft betrachtet werden. Die Armen gehören zur Mitte der Kirche (...)