Papst Franziskus ist in Singapur angekommen. Der Stadtstaat ist die letzte Station seiner Asien-Pazifik-Reise. Zuvor hatte Franziskus Indonesien, Papua-Neuguinea und Osttimor besucht.
Gestern noch in Osttimor, heute schon in Singapur. Papst Franziskus hat ein straffes Programm. Auf dem Bild küsst eine Ordensschwester die Hand des Kirchenoberhaupts. In einer Schule in Dili besuchte er Kinder mit Behinderung.
Harmonie um jeden Preis: In Singapur sollen strenge Regeln, viele Kontrollen und hohe Strafen für ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Ethnien und Religionen sorgen. Meinungs- und Versammlungsfreiheit sind eingeschränkt, in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt das Land Platz 126 von 180.
Die 2019 ausgesetzte Vollstreckung der Todesstrafe wurde 2022 wieder aufgenommen, drei Menschen in diesem Jahr wegen Drogendelikten hingerichtet. Papst Franziskus, der sich vom 11. bis 13. September in Singapur aufhält, tritt für eine Abschaffung der Todesstrafe ein. Die Republik Singapur ist seit 1965 ein eigener Stadtstaat, seitdem regiert ununterbrochen die Partei People's Action Party (PAP). Faktisch ist Singapur ein Einparteienstaat mit einigen wenigen Abgeordnetensitzen für die Opposition. Kürzlich wurde mit Lawrence Wong (51) der vierte Regierungschef vereidigt.
Dem ersten Premierminister Lee Kuan Yew (1923-2015) war es gelungen, den Stadtstaat mit autoritärer Führung nahezu ohne eigene Rohstoffe in eines der reichsten Länder der Welt zu verwandeln. Die Sankt-Josef-Kirche im historischen Zentrum von Singapur ist am Tag vor der Anreise des Papstes noch leer. Nur ein junger Mann tritt ein, bekreuzigt sich und setzt sich für zehn Minuten in eine Bank. „Ich komme oft her, um zu beten“, sagt Bryan Song. Nein, einen besonderen Anlass gebe es nicht. „Einfach mal innehalten und Gott nahe sein“, sagt der 24-Jährige.
Song freut sich auf den anstehenden Besuch von Papst Franziskus und die Papstmesse am Donnerstag im Nationalstadion. „Ich bin aufgeregt und kann es kaum erwarten, von Papst Franziskus gesegnet zu werden.“ Dann sagt er: „Ich will nicht politisch werden. Aber in diesen Zeiten von Extremismus und der weltweiten konservativen Welle ist dieser Papst, der für Frieden und das harmonische Miteinander eintritt, besonders wichtig.“
Nähe zu China spielt für Papst wichtige Rolle
Der wohlhabende und mit strengen Gesetzen regierte Stadtstaat Singapur ist die letzte Station der bis 13. September dauernden Mammut-Reise des Papstes in die Asien-Pazifikregion. Zuvor besuchte er Indonesien, Papua-Neuguinea und Osttimor. Die geografische und kulturelle Nähe zu China, dem Papst Franziskus in seiner Außenpolitik seit Jahren besondere Aufmerksamkeit widmet, spielte bei der Auswahl dieses Reiseziels eine wichtige Rolle. Der Besuch wird nicht nur von der katholischen Minderheit mit Spannung erwartet.
Ein bekanntes und prägnantes Gebäude in Singapur ist das Marina Bay Sands.
Singapur ist nur gut halb so groß wie Rom – mit dem Aufschütten von Sand wird die Landfläche kontinuierlich erweitert. Der Platz für die knapp sechs Millionen Einwohner ist knapp. Die größte Bevölkerungsgruppe stellen Chinesen mit knapp 75 Prozent. Mit gut 31 Prozent sind die meisten Einwohner Singapurs Buddhisten, gefolgt von Menschen ohne Religionszugehörigkeit (20 Prozent). Christen belegen Platz drei mit knapp 19 Prozent, 395.000 von ihnen sind Katholiken. Zugleich ist Singapur multireligiös. Buddhisten, Taoisten, Muslime, Sikh, Christen und Hindus leben friedlich zusammen.
Die Regierung achtet sehr genau darauf, dass Extremisten nicht Fuß fassen. Die auch sonst schon scharfen Sicherheitsmaßnahmen wurden zum Besuch von Papst Franziskus nochmals verstärkt. In einem aktuellen Sicherheitsbericht warnt Singapurs Regierung, die terroristische Bedrohung sei weiterhin hoch.
Geschichte des Katholizismus in Singapur
Singapur wurde 1819 von Sir Stamford Raffles als britische Kolonie gegründet. Am 11. Dezember 1821 kam der katholische Pater Laurent Marie Joseph Imbert von der Gesellschaft der ausländischen Missionen zu Paris nach Singapur, um von dort aus Missionseinsätze nach Malaysia und China zu unternehmen. In einem Brief an den Ordensbruder Esprit-Marie-Joseph Florens, seinerzeit Apostolischer Vikar von Siam, dem heutigen Thailand, berichtete Imbert über die Anwesenheit von Katholiken in Singapur und die Notwendigkeit einer kirchlichen Mission. Das Datum der Ankunft Imberts wird als Beginn des Katholizismus in Singapur gesehen. Das älteste christliche Gotteshaus ist jedoch die 1823 geweihte Kirche armenisch-orthodoxer Christen.
Große religiöse und weltliche Veranstaltungen sind in Singapur an der Tagesordnung. Gefeiert, auch über Religionsgrenzen hinweg, werden Feste wie Weihnachten, das hinduistische Lichterfest, die hohen islamischen Feiertage und natürliche buddhistische Feste wie das chinesische Neujahrsfest oder das wenige Tage nach dem Papstbesuch beginnende, sehr populäre Mondfest. Die religiösen Events werden ebenso wie weltliche Veranstaltungen, etwa das jährliche Formel-1-Nachtrennen, von der Regierung als Werbung für Singapur als Touristendestination und als Wirtschaftsstandort vermarktet.
Um die Ecke der Kirche Sankt Josef blüht in der Waterloo Straße das multireligiöse und multiethnische Singapur. Menschenmassen strömen in den buddhistischen Kwan Im Thong Hood Cho Tempel. Vor dem Tempel bieten Straßenhändler Räucherstäbchen und Lotusblumen feil. Keine 50 Meter von entfernt steht der ganz in blau gehaltene hinduistische Sri Krishnan Tempel.
Heißbegehrte Souvenirs
Schräg gegenüber dem Hindutempel befindet sich in einem schmucklosen Gebäude das „CANA The Catholic Centre“. Das Zentrum der Erzdiözese Singapur ist in den Tagen vor dem Papstbesuch der wohl populärste katholische Ort der Stadt. Zum einen werden hier die vorbestellten Karten für die Papstmesse ausgeben. Zum anderen ist es die Hauptverkaufsstelle für Papstsouvenirs: T-Shirts, Fächer, Rucksäcke oder Hüte – natürlich in gelb und weiß, den offiziellen Farben des Vatikans. „Die Leute reißen uns die Souvenirs aus den Händen. Wir kommen mit dem Bestellen von Nachschub kaum hinterher“, sagt Verkäuferin Carol Seow im Hinterzimmer des Ladens, in dem sich Kartons mit Papst-Memorabilia stapeln.
Am Mittwochabend steht eine Begegnung mit Mitgliedern des Jesuitenordens im Exerzitienzentrum „Heiliger Franz Xaver“ in Singapur auf dem Programm. Am Donnerstag trifft das Kirchenoberhaupt Staatspräsident Tharman Shanmugaratnam, Premierminister Lawrence Wong sowie Vertreter der Zivilgesellschaft und des Diplomatischen Korps. Am Nachmittag (Ortszeit) feiert er im Nationalstadion SportsHub die Heilige Messe. Trotz der überschaubaren Zahl der Gläubigen und strenger Vergaberegeln waren die Tickets für die Papstmesse im Nationalstadion schnell vergriffen – die Veranstalter stockten auf. Trotzdem gab es für die Katholiken aus dem Nachbarland Malaysia nur ein geringes Kontingent der 48.500 Sitzplätze.Das liegt auch an den strengen Sicherheitsvorkehrungen. Die Terrorgefahr aufgrund antiisraelischer Stimmung in Malaysia und der Region ist laut Experten hoch. Singapur gilt als israelfreundlich. Zuletzt starben Mitte Mai bei einem Terroranschlag 40 Kilometer entfernt von Singapur zwei Menschen.
Nach einem Besuch im Sankt-Theresa-Heim und am Katholischen Junior-College, wo Papst Franziskus eine Ansprache hält, fliegt er am Freitag zurück nach Rom. Bei seiner längsten Auslandsreise legt er 32.784 Flugkilometer zurück.