Nahost-Korrespondentin Andrea Krogmann über ihre immer schwieriger werdende Arbeit in Jerusalem und die offene Frage, was die Zukunft für Israel bringen wird.
Angehörige der am 7. Oktober 2023 nach Gaza entführten Israelis am Grenzzaun zum Gazastreifen. Andrea Krogmann war bei der Protestfahrt als Journalistin mit dabei. Hinter den Zaun kann aber auch die Reporterin nicht gelangen.
Eine lebendige Medienlandschaft: In Israel war das lange selbstverständlich. Doch diese ist gefährdet, folgt man Andrea Krogmann. Die Journalistin berichtet für die Katholische Nachrichten-Agentur aus dem Heiligen Land. Seit 7. Oktober 2023 hat sich ihre Arbeit und ihr Privatleben mächtig verändert, wie sie im Gespräch mit Klaus Gaßner verdeutlicht.
Sie sind gerade auf der Fahrt in die Wüstenstadt Beerscheba im Süden. Wie ist die Lage in den verschiedenen Landesteilen?
Andrea Krogmann: Im Vergleich zu den ersten Kriegsmonaten ist es im Zentrum des Landes inzwischen sehr ruhig geworden. Im Süden kommt es zu weniger Beschuss, aber es sind immer noch sehr viele Menschen evakuiert. Im Norden, in Grenznähe zum Libanon, ist die Lage mit täglichen Raketen wohl am dramatischsten.
Wie haben sich durch den Krieg denn Ihre Arbeitsbedingungen verändert?
Die Arbeitsbedingungen haben sich insoweit stark verändert, als es fast unmöglich ist, an unabhängige Informationen zu kommen. Es ist nicht möglich, die Presseerklärungen aus der Armeeführung auf der einen Seite und Angaben der Hamas auf der anderen Seite zu überprüfen. Hinzu kommt, dass es im Kreis derer, die in Deutschland unsere Informationen aufnehmen, eine immer stärkere Polarisierung gibt. Ein proisraelisches und ein propalästinensisches Lager stehen einander unversöhnlich gegenüber.
Andrea Krogmann studierte Theologie und Journalismus. Seit 2009 arbeitet sie als Korrespondentin der Katholischen Nachrichten-Agenturen der Schweiz und Deutschlands (KNA) in Jerusalem.
Wie informiert eigentlich die palästinensische Seite?
Die Hamas bespielt diverse Formate der sozialen Medien und kommuniziert dort Stellungnahmen der Organisation. Der palästinensische Ministerpräsident meldet sich regelmäßig zu Wort mit Opferzahlen und Berichten über die Lage im Gazastreifen. Auch über arabischsprachige Medien und Kollegen im Gazastreifen gibt es natürlich Informationen.
Ein Zugang zum Gazastreifen aber ist nicht möglich?
Nein, anders als die meisten Kriegsgebiete ist der Gazastreifen für Journalisten nicht frei zugänglich. Auch in früheren Gazakriegen hat Israel als Konfliktpartei Medien zeitweise den Zugang verwehrt, jedoch nie in diesem Ausmaß und für eine so lange Zeit.
Die israelische Gesellschaft ist von jeher vielfach unterteilt, sozial, religiös, ethnisch gespalten. Trotzdem gelang ein Miteinander. Wie sehen Sie die Veränderung, die der Krieg nun der Gesellschaft bringt?
Um das zu erklären, muss man auf das Jahr vor dem Krieg zurückblicken. Ende 2022 wurde die aktuelle Regierung vereidigt, die rechteste Regierung in der Geschichte Israels. Sie versucht, das Land zu verändern und macht die Polarisierung im Land deutlich. Gegen die geplante Justizreform gingen zehn Monate lang die Menschen auf die Straße, die Stimmung war aufgeheizt. Das ging so weit, dass Reservisten damals ankündigten, unter diesen Umständen im Konfliktfall nicht die Waffe in die Hand zu nehmen. Mitten in diese Stimmung geschah der Angriff der Hamas vom 7. Oktober. Er hat zu einer großen Welle der Solidarität der Israelis untereinander geführt, zu dem Gefühl „Wir sind eins, gemeinsam werden wir siegen“. Doch dieses Gefühl hat nicht angehalten. Die Streitfrage heute ist die Priorität der Kriegsziele. Darf es einen Waffenstillstand geben, wenn dafür die Geiseln freigelassen werden, oder ist das oberste Ziel die Vernichtung der Hamas? Bringen Verhandlungen die Geiseln zurück oder militärischer Druck?
Gibt es denn eine Diskussion im Land über die Zukunft, über das, was nach Beilegung des Konflikts möglich und nötig wäre?
Nicht auf der politischen Ebene, allenfalls hinter den Kulissen. Das Geschehen vom 7. Oktober ist immer noch sehr dominant, die Gesellschaft in Israel nimmt den Krieg nicht von zwei Seiten wahr. Daher stellt sich vielen die Frage nach dem „Tag danach“ nicht. Allenfalls bei der extremen Rechten, die sich die Wiederbesiedlung des Gazastreifens und eine Verdrängung der Palästinenser erträumt.
Dennoch berichteten Sie zuletzt auch von Plänen zur Stadtentwicklung Jerusalems, etwa zur Förderung des Tourismus. Gerade wurde eine Seilrutsche zum Friedenswald eröffnet. Man denkt an eine Normalität nach der Beilegung des Konflikts? Was steckt dahinter?
Nun, diese Pläne sind lange vor dem Krieg entstanden. Etwa die Idee einer Seilbahn vom alten Bahnhof zur Klagemauer oder die bereits gebaute Hängebrücke über das Hinnomtal. Gemeinsam haben sie, dass sie Gebiete in der Nähe der Jerusalemer Altstadt betreffen und von maßgeblich von jüdischen Siedlern vorangetrieben werden. Viele Staaten – so auch Deutschland – erkennen die von Israel beanspruchte Souveränität über den Osten Jerusalems aber nicht an. Und die Palästinenser beanspruchen Ostjerusalem als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Nun entstehen diese touristischen Attraktionen in einem Ring um die Altstadt. Sie schaffen damit eine Barriere und erschweren die Vorstellung einer geteilten Hauptstadt für zwei Staaten. Im Übrigen: Die Attraktionen richten sich vor allem an innerisraelische Touristen, für Pilger und ausländische Touristen sind sie eher unbedeutend.
Wie ist es, wenn Sie durch die Altstadt spazieren?
Es ist dort natürlich viel ruhiger. Viele Geschäfte leben von Pilgern und Touristen, die seit Kriegsbeginn ausbleiben. Sie haben geschlossen oder ihre Öffnungszeiten drastisch verkürzt. Es herrscht so gut wie nirgends Gedränge und es gibt keine Warteschlagen. Selbst die Grabeskirche ist leer – dort stören allenfalls die Baustellen.
Und wie hat sich für Sie privat das Leben verändert?
Die Situation ist anstrengend für alle. Stets gilt es abzuwägen zwischen eigener persönlicher Sicherheit und dem beruflichen Anspruch. Eine Folge der Situation ist, dass man mit Kollegen enger zusammenarbeitet, das hat auch privat zu näheren Kontakten geführt. Belastend ist vor allem die Planungsunsicherheit, die Frage, kann ich Besuche aus Deutschland empfangen, kann ich Urlaub machen, das Problem unzuverlässiger Flugverbindungen, weil Fluggesellschaften Flüge streichen, wenn sich die Situation verschärft. Das alles macht es sehr schwer, einfach mal abzuschalten.