Für Erzpriester Radu Constantin Miron ist das Jubiläum des Konzils von 325 ein Grund zum Feiern. Im Blick auf die Ökumene hierzulande ist der griechisch-orthodoxe Theologe voller Hoffnung.
Radu Constantin Miron wurde 1956 in Bonn geboren. Nach dem Abitur in Freiburg studierte er orthodoxe Theologie in Thessaloniki, anschließend Byzantistik, Romanistik und Theologie in Bonn und Köln. 1983 bis 2022 wirkte er als Pfarrer. Seit 1983 ist er in der Ökumene, insbesondere in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) engagiert. Deren Bundesvorsitzender war er von 2019 bis zum Frühjahr dieses Jahres.
In neun Folgen hat das Konradsblatt in den letzten Monaten die Vorgeschichte, den Verlauf und die zentralen Themen des Konzils von Nicäa beleuchtet. Anlass war das 1700-jährige Jubiläum dieser großen Kirchenversammlung der Antike. Zum Abschluss dieser Serie hat Michael Winter mit dem deutschen griechisch-orthodoxen Erzpriester und Ökumeniker Radu Constantin Miron gesprochen.
Herr Erzpriester, offiziell wird das Konzil von Nicäa in diesem Jahr überall gewürdigt. Aber es gibt auch kritische Stimmen, die das in Nicäa formulierte Bekenntnis zur Wesenseinheit Christi mit Gott dem Vater sprachlich wie auch inhaltlich als überholt erklären. Was antworten Sie ihnen?
Natürlich formulieren wir heute anders, als wir es vor 1700 Jahren getan haben. Und doch ist allen Kirchen gemeinsam, dass sie jenen Glauben leben und vertreten, den Jesus Christus uns gebracht und verkündet hat. Wie könnte man sonst erklären, dass wir alle die Kirche im Credo als „apostolisch“ bezeichnen. Es ist dieser Glaube der Apostel, der zu Beginn des vierten Jahrhunderts, nach dem Ende der Christenverfolgungen, auseinanderzubrechen drohte. Das bleibende großartige Verdienst des ersten Ökumenischen Konzils von Nicäa ist, dieses Auseinanderbrechen durch das christologische Bekenntnis zur Wesenseinheit Christi mit Gott dem Vater verhindert zu haben. Das feiern wir in diesem Jubiläumsjahr. Dass diese Lösung eines innerkirchlichen und theologischen Problems auf synodale Weise, also dialogisch und kollektiv erreicht wurde, macht unser Jubiläum noch aktueller.
Den orthodoxen Kirchen scheint die vorbehaltlose Identifikation mit den altkirchlichen Glaubensaussagen leichter zu fallen als beispielsweise deutschen Katholiken und Protestanten. Warum ist das so?
Diese Apostolizität der Kirche und des Glaubens ist bekanntlich neben der Einheit, der Heiligkeit und der Katholizität eines der vier sogenannten Merkmale der Kirche im Glaubensbekenntnis. Die Theologie nennt sie die „Nota ecclesiae“. Für die orthodoxen Christinnen und Christen sind sie gewissermaßen der Ast, auf dem wir sitzen, von dem es bekanntlich heißt, dass man ihn nicht absägen sollte. Denn wir haben in der Geschichte der Kirche mehrfach die Erfahrung gemacht, dass ein Verzicht auf eines oder mehrere dieser Merkmale der Kirche unweigerlich zu einem tragischen Identitätsverlust führt. Selbst wenn diese Attribute als Formulierung erst beim Zweiten Ökumenischen Konzil 381 von Konstantinopel ins Große Glaubensbekenntnis aufgenommen wurden, könnte unser diesjähriges Nicäa-Jubiläum meines Erachtens dazu beitragen, die Nota ecclesiae im ökumenischen Miteinander neu zu entdecken und zu vertiefen.
Sie waren im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) über Jahrzehnte hinweg in der ökumenischen Bewegung engagiert. Zuletzt waren Sie sechs Jahre lang Vorsitzender der ACK auf Bundesebene. Welche Fortschritte hat es Ihrer Erfahrung nach seit den 1980-er Jahren in der Ökumene hierzulande gegeben?
Ich hatte in der Tat das Privileg, der erste orthodoxe Christ zu sein, welcher die ACK Deutschland leitete. Allein die Tatsache, dass dies 75 Jahre nach ihrer Gründung möglich war, zeigt, dass sich die kirchliche Landschaft, vor allem aber die ökumenische Wahrnehmung in unserem Land verändert hat. Aus einer bilateralen Zusammenarbeit ist eine weithin selbstverständliche multilaterale Normalität geworden; es reicht, daran zu erinnern, dass der derzeitige Vorsitzende der Bundes-ACK ein anglikanischer Geistlicher ist. Zu dieser Erweiterung des ökumenischen Horizonts zählt sicherlich auch die Vielzahl von neuen Brückenschlägen, welche die Ökumene in den letzten Jahren kennzeichnet. Sie betreffen nicht nur evangelisch-freikirchliche und pfingstlerisch geprägte Gruppierungen, sondern in ganz besonderer Weise auch die Neuapostolische Kirche und andere Zweige der apostolischen Bewegung, die ein zunehmendes Gewicht in der innerdeutschen Ökumene gewinnen.
Gibt es Ihrer Meinung nach ein konkretes Ziel in der Ökumene, das bei gutem Willen aller Beteiligten Chancen hätte, in absehbarer Zeit umgesetzt zu werden? Oder sind aktuell die dogmatischen und theologischen Grenzen der Gemeinsamkeit erreicht?
Die Ökumene ist doch – gestatten Sie mir die Ausdrucksweise – wie eine Ehe. Da wäre es ja auch fatal, wenn man als Ehepartner sagen würde „die Grenzen der Gemeinsamkeit sind erreicht“! Das Spannende in jeder Beziehung ist doch das Nicht-Nachlassen im Kennen- und Schätzenlernen des Anderen, das Entdecken von gemeinsamen Sichtweisen und unterschiedlichen Vorgehensweisen, die Suche nach Lösungen auch dort, wo man meint, in einer Sackgasse zu stehen. Was die Ökumene betrifft, ist für mich die Erkenntnis, dass Theologie oder Dogmatik gar nicht vom Alltag unserer Gläubigen zu trennen sind, immer wichtiger geworden. Ich nenne als Beispiel die ökumenische Feier des Tages der Schöpfung, die auf eine Initiative des Patriarchen von Konstantinopel zurückgeht, später in der päpstlichen Enzyklika „Laudato si“ festgehalten wurde und letztendlich zu einer alle Kirchen umfassenden Wiederentdeckung der Schöpfungstheologie geführt hat. Einfach gesagt, Dogmatik und angewandte Theologie sind für uns auch der nachhaltige Umgang mit Ressourcen oder die Solaranlage auf dem Dach!
Was können Sie als kleinere griechisch-orthodoxe Kirche von den (noch) großen Kirchen in Deutschland lernen und was können diese umgekehrt von den orthodoxen Kirchen lernen?
Wir leben in einer Zeit der Abkürzungen - auch in der Ökumene. Eine davon lautet HKK und bezeichnet die „hierzulande kleinen Kirchen“. Gemeint ist damit die sich zunehmend durchsetzende Erkenntnis, dass die Größe einer Kirche sich von Land zu Land durchaus unterscheidet. Was die – hierzulande kleine – orthodoxe Kirche betrifft, ist sie nicht nur in anderen Ländern Mehrheitskirche, sondern erstaunlicherweise ganz gegen den allgemeinen Trend eine hierzulande wachsende Glaubensgemeinschaft. Wir stellen immer wieder fest: Gegenseitig lernen ist im Grunde eine zentrale ökumenische Tugend. Als Orthodoxe sind wir dankbar für die vielfältigen Erfahrungen der hiesigen Kirchen etwa in der Pastoral und der Religionspädagogik. Was andere von uns lernen können, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist aber: Orthodoxie ist mehr als Ikonen, Weihrauchduft oder Rauschebärte.