Feuer einer Nacht oder Beginn eines Weltenbrandes?
16.04.2024 |
Mit großer Sorge blickt die Welt in den Nahen Osten: Nach dem Angriff des Iran auf Israel könnte sich die Lage dort erneut zuspitzen. Während Regierung und Militärs beraten, geht der Alltag weiter.
Blick auf den Felsendom auf dem Tempelberg am 10. Juni 2023 in Jerusalem (Israel).
War es und bleibt es das Feuer einer einzelnen Nacht? Oder wird es zum Auftakt einer Eskalation, die zu einer Art Weltenbrand führen könnte? Die Spekulationen und bangen Fragen seit dem tödlichen Luftschlag Israels auf hohe iranische Militärs in Damaskus sind mit dem massiven Nachtangriff Teherans auf Israel nicht beantwortet.
Zwar wurden in der vergangenen Nacht fast alle Drohnen und Marschflugkörper von Israel und seinen Partnern abgefangen. Jene Handvoll ballistischer Raketen, die aufgeschlagen sind, haben - neben einem verletzten Mädchen - nur geringen Sachschaden ausgelöst. Aber die weitere Entwicklung wird von der Reaktion Israels abhängen, über die Premier Benjamin Netanjahu erst noch mit seinem Kriegskabinett beraten will. US-Präsident Joe Biden hat bereits klargestellt, dass er einen israelischen Vergeltungsschlag nicht unterstützen werde.
In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurden iranische Raketen über dem Felsendom unter lautem Explosionskrach von der Flugabwehr zerstört. Am Morgen danach verläuft das Leben in Jerusalem fast so, als sei nichts geschehen. In der Altstadt sind die Geschäfte geöffnet wie in den Wochen zuvor, auf Baustellen wird gearbeitet, der Straßenverkehr fließt und stoppt wie sonst. Freilich fehlen die ausländischen Besucherscharen, die seit dem 7. Oktober, seit dem Angriff der Terrormiliz Hamas, das Land meiden - auch wenn zuletzt wieder einzelne Gruppen eingereist waren.
Nach dem iranischen Angriff läuft das Leben in Jerusalem normal
Diese leise Hoffnung könnte mit dem iranischen Angriff und der verstärkten Anspannung nun wieder verrinnen. Gerade seien wieder mehr Pilger gekommen, und für das orthodoxe Ostern am 5. Mai wurde ein weiterer Anschub und ein besseres Geschäft erwartet - da platzt die Konfrontation mit dem Iran hinein, klagt ein Händler in der Altstadt. Zwar hat Israel seinen für die Angriffsphase gesperrten Luftraum nach sieben Stunden wieder geöffnet, aber etliche ausländische Airlines haben für die kommenden Tage ihre Flüge nach und von Tel Aviv gestrichen; Fluggäste müssen umbuchen. Neue Unsicherheit könnte sich breitmachen.
Zudem sorgen Nachrichten von angeblichen Freudenböllern im arabischen Ost-Jerusalem über die Angriffswelle für Irritationen, auch wenn solche Exzesse bislang nicht offiziell bestätiget werden konnten. Bestätigt hat unterdessen ein israelischer General, dass die Abwehrmaßnahmen gegen die iranischen Raketen rund eine Milliarde US-Dollar gekostet haben dürften.
In etlichen christlichen Kirchen Jerusalems haben die Gläubigen am dritten Ostersonntag – wie bereits in vielen Wochen davor – um Frieden, um ein Ende der Gewalt und die Rückkehr der in Gaza festgehaltenen Geiseln gebetet. Eine offizielle Stellungnahme der Kirchenführer des Heiligen Landes zu Angriff des Iran liegt bislang nicht vor. Es handele sich um einen rein politischen Vorgang, die Kirchenoberen äußerten sich aber nur, wenn Opfer, Tote, Verletzte oder sinnlose Zerstörungen zu beklagen seien, meint eine Expertin.
Warnung vor Ausweitung des Kriegs in Nahost
Vom Bundespräsidenten bis zum Papst, von der Bundesregierung bis zu den Vereinten Nationen: Die Sorge vor einem Flächenbrand in Nahost wächst. Deutschland bekräftigt zugleich seine Solidarität mit Israel. Aufs Schärfste haben Politiker und Religionsvertreter den iranischen Angriff auf Israel verurteilt.
Papst Franziskus erklärte am Sonntag beim Mittagsgebet, er habe die Nachricht mit Schmerz und großer Sorge vernommen. „Ich appelliere dringend, jegliche Aktion einzustellen, die dazu geeignet ist, eine Spirale der Gewalt zu fördern, und die Gefahr beinhaltet, den Konflikt im Nahen Osten in einen noch größeren militärischen Konflikt hineinzuziehen“, mahnte der Papst.
Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing. Es müsse alles dafür getan werden, dass der Nahe Osten „nicht in einen regionalen Krieg mit unabschätzbaren Folgen“ gerate: „Dies wäre eine Katastrophe für diese Weltgegend und eine dramatische Gefährdung des Weltfriedens.“ Bätzing appellierte an alle Verantwortlichen, eine „Eskalationsdynamik“ zu vermeiden.
Ebenso rief UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk alle Konfliktparteien zur Deeskalation auf. Die Staatengemeinschaft müsse alles in ihrer Macht Stehende tun, um eine weitere Verschlechterung der ohnehin äußerst instabilen Lage zu verhindern.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland forderte eine „klare und harte Position“ gegenüber dem Regime in Teheran. Die Sanktionen müssten „auf ein Maximum erhöht, die iranischen Revolutionsgarden endlich als Terrororganisation gelistet werden“, sagte ein Sprecher des Zentralrats. Der Iran und seine Stellvertreter stellten auch hierzulande eine Gefahr insbesondere für Jüdinnen und Juden dar, sagte der Direktor des Berliner American Jewish Comittee, Remko Leemhuis. Daher müsse das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) geschlossen werden, „von dem seit Jahren bekannt ist, dass es die wichtigste Anlaufstelle des Irans in Europa ist“.
Die Forderung nach einer Schließung des umstrittenen Zentrums erneuerte auch die Linke-Gruppe im Bundestag gegenüber der „Welt“ (Montag). Der IZH-Verein wird vom Verfassungsschutz als islamistisch sowie als verlängerter Arm des iranischen Regimes eingestuft. Vor etwa anderthalb Jahren hatte der Bundestag die Bundesregierung aufgefordert, ein Verbot des Vereins zu prüfen.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier versicherte seinem israelischen Amtskollegen Isaac Herzog Deutschlands Solidarität. Er sei erleichtert über die starke israelische Luftabwehr und hoffe, dass eine großflächige Eskalation vermieden werden könne, sagte Steinmeier laut Mitteilung des Bundespräsidialamtes in einem Telefonat mit Herzog.