n den Evangelien ist Maria eine Randgestalt. Die wenigen Informationen über die historische Maria wurden im Laufe der folgenden Jahrhunderte gesammelt und um Material aus den apokryphen Evangelien ergänzt. Sie wurden in der Theologie der Patristik und der Scholastik in ihrem Gehalt erschlossen, getragen von einer sich im Volk der Gläubigen ausbreitenden religiösen Marienverehrung.
Nach einer Prozession zu Pfingsten auf Sizilien: Die Heiligenfigur der Muttergottes wird per Transporter zurück in die Kirche gefahren.
Nachdem auf dem Konzil von Ephesus 431 das Dogma von Maria als Gottesmutter oder Gottesgebärerin (theotokos) verkündet worden war, wurden in der Folgezeit allein in Konstantinopel an die dreißig Kirchen der Gottesmutter geweiht. Die Idee der Gottesmutterschaft steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Lehre von den zwei Naturen – der göttlichen und menschlichen – in Jesus Christus. Wenn ihr Sohn Jesus als Mensch zugleich Gott ist, muss auch Maria als Mutter aus der Reihe der übrigen Menschen herausragen. Die Idee der unbefleckten Empfängnis Mariä ist wiederum die Folge dieser Ausnahmestellung.
Das Dogma der Unbefleckten Empfängnis ist für die Entwicklung der Mariologie von ähnlicher Bedeutung wie das der Gottesmutterschaft. Die »modernen Mariologen« betrachten die beiden Lehrstücke als die »theologische Grundlage der ganzen Marienlehre«. Die Idee der immerwährenden Jungfräulichkeit Mariä – vor, bei und nach der Geburt – kam verstärkt um 400 auf und wurde auf dem Zweiten Konzil von Konstantinopel 553 zu einem festen Glaubenssatz. Die Idee der unbefleckten Empfängnis Mariä wurde im Mittelalter vor allem von den Franziskanern theologisch ausgebildet und in der frühen Neuzeit besonders stark vertreten. Die zahllosen Bilder der Immaculata bezeugen das. Als Dogma wurde sie erst 1854 von Pius IX. verkündet; und die Idee der leiblichen Aufnahme Mariä in den Himmel – die sie mit ihrem Sohn Jesus Christus teilt – wurde erst 1950 von Pius XII. als Glaubenssatz festgelegt.
Aus der Gottesmutterschaft gehen die anderen Dimensionen hervor
In der Bulle "Ineffabilis Deus", mit der Pius IX. das Dogma verkündete, heißt es ausdrücklich, die lange Tradition der Verehrung Mariä allgemein und der Immaculata besonders durch die Gläubigen sei ein "Beweis" dafür (haec omnia penes fideles ubique prope recepta ostendant), dass die Lehre Teil des christlichen Glaubens ist. Die Überlieferung ist Beweis der Wahrheit. Auch andere Marienfeste wurden erst in den vergangenen hundertfünfzig Jahren eingeführt. Und die Marienerscheinungen in Lourdes – "Ich bin die Unbefleckte Empfängnis", sagte Maria 30 zu Bernadette Soubirous, der sie im Februar 1858 mehrmals erschien – und Fátima (1917) mit den in der Folgezeit begründeten Kultstätten und Millionen von Pilgern jedes Jahr fallen auch in diese Zeit. Aus der Gottesmutterschaft gehen die anderen Dimensionen Mariä hervor. Jungfräulichkeit, Makellosigkeit und leibliche Aufnahme in den Himmel sind keine biologisch-gynäkologischen Bestimmungen über physiologische Beschaffenheiten. Es sind geistige Konzeptionen, Denkfiguren, die eine mentale oder psychische Konfiguration der Frau und des Menschen allgemein im Blick haben.
Um die Sonderstellung Mariä in der christlichen Heiligenverehrung zu verstehen, ist die Idee der unbefleckten Empfängnis (conceptio immaculata) aufschlussreich. In ihr kristallisiert sich das Mariologische überhaupt. Die Idee bedeutet nicht, wie naseweise Unwissenheit immer wieder behauptet, Maria habe ihren Sohn "unbefleckt" empfangen. Solche sexuell ausgerichteten Fragen einer delectatio morosa sind – auch bei der Idee der Jungfräulichkeit – ein bisschen ungehörig und gehören dem perversen Vorstellungskreis an; jedenfalls sind sie nicht Gegenstand theologischer Erörterungen. Die belgisch-französische Philosophin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray betont (in: Das Mysterium Marias), dass die verbreitete Geringschätzung der Figur Mariä bei vielen Frauen – zumal bei "Intellektuellen und Feministinnen" – durch "eine männliche Kultur" bestimmt ist, "von der sie sich zu befreien glauben, während sie sich ihr unterwerfen", weil sie unfähig sind, "eine andere Kultur zu sehen". Die Jungfräulichkeit Mariä – "wie die einer jeden Frau" – ist die Konfiguration einer "spirituellen Virginität".
Das ist "die Fähigkeit, ihren Atem autonom und teilweise disponibel zu halten für das Ereignis einer Zukunft, die noch zu geschehen hat, für die Begegnung mit dem anderen, der in seiner Transzendenz respektiert wird". Es geht nicht um "fleischliche Enthaltung", sondern um die "Fähigkeit, das Fleisch zu verwandeln".
Maria als Übergang von zwischen dem Körperlichen und Geistigen
Als ich vor etwa dreißig Jahren in einem universitären Seminar darüber handelte und in diesem Zusammenhang auch erwähnte, dass Theologen bei der Erörterung des Problems der Inkarnation Jesu Christi eine Empfängnis durch das Ohr erwogen haben – der ingeniöse Gedanke geht bis auf Origenes (185–254 ca.) zurück –, meldete sich eine Studentin und verbat sich empört und mit Verweis auf ihren christlichen Glauben derartige Schweinereien. Meine Erklärung, die Idee sei immerhin konsequent entwickelt, denn Christus sei als zweite trinitarische Person das Wort, das als gesprochenes durch das Ohr aufgenommen wird, konnte die Spannung nur wenig ausgleichen.
In seiner Studie „Maria. Jungfrau, Mutter, Herrscherin“ (1994) hat Klaus Schreiner dem Komplex der Empfängnis durch das Ohr ein eigenes kleines Kapitel gewidmet: Er stellt vor allem die typologische Beziehung zum Sündenfall heraus. Wie die Sünde durch die Einflüsterungen der Schlange, also durch das Ohr, in die Welt gekommen ist, kommt auch die Erlösung durch das Ohr in die Welt. Das Buch stellt nicht die Entfaltung der marianischen Dogmen dar, sondern das Leben Mariä: beginnend mit ihren Eltern, ihrer Geburt über die verschiedenen Phasen ihres Lebens bis zu ihrem Tod und ihrer Himmelfahrt. Das geschieht aber nicht nach Art der traditionellen Marienleben, sondern im Spiegel dieser historischen Marienleben. So zeigt sich, wie das Leben Mariä im Laufe der Geschichte durch die Volksfrömmigkeit und ihre erzählerische Entfaltung ausgestaltet wurde. (…)
Maria ist die Vermittlerin, der Übergang zwischen dem Körperlichen und dem Geistigen, den Menschen und Gott, der Erde und dem Himmel. Sie verbindet das Fleisch und den Geist im Verbum incarnatum. Das Fleisch gewordene Wort konfiguriert die Frage, wie aus dem fleischlichen Leib der Geist entstehen kann, durch die Umkehrung, wie der Geist als Wort im Fleisch einwohnen kann. Das impliziert, der Geist und das Wort seien etwas Übermenschliches, etwas Wirkliches außerhalb der Menschen. Platonisch und christlich entspricht dem die Konzeption einer metaphysischen Wirklichkeit der Ideen und des göttlichen Geistes (...)
Aus: Gerhard Poppenberg, „Maria voll der Gnade. Geschichte und Gehalt eines Denkbilds“, Matthes und Seitz, Berlin, 2026, 191 Seiten, 20 Euro