„Was fehlt Ihnen denn?“

24.01.2025 |

Dieses verräterische „eigentlich“! Klarer Hinweis auf einen Mangel ...

Die klassische Frage beim Arztbesuch: „Was fehlt Ihnen denn?“ Und je besser wir beschreiben können, wo uns der Schuh drückt, umso eher kann uns geholfen werden. Doch wenn mir nichts mehr fehlt, habe ich dann schon alles? Kann ich wirklich an einem Punkt angelangen, wo es rundum stimmt und alles in bester Ordnung ist?
 
Selbst zuhause immer noch Heimweh ... 
 
Manchmal höre ich mich sagen: „Eigentlich bin ich zufrieden mit meinen Aufgaben.“ – „Eigentlich fühle ich mich dort, wo ich jetzt lebe, ganz wohl.“ Ich stolpere über meine eigenen Sätze. Auf den ersten Blick scheint alles rund zu laufen – wäre da nicht dieses verräterische „eigentlich“! Es weist auf einen Mangel hin, der sich hinter meinem Wohlbefinden versteckt. Irgendetwas stimmt noch nicht in der mir vertrauten Welt. Eine Unruhe, ein inneres Drängen meldet sich zu Wort. Mir fehlt etwas, was auch mein Arzt nicht diagnostizieren kann.
 
Diese Erfahrung machen wohl viele Menschen: Bisweilen meldet sich ein leises Unbehagen zu Wort, weil die eigenen Tage farblos und fade geworden sind. Man funktioniert nur noch wie ein Rädchen in einer Maschine. Doch auch anderes kann den Traum von einem besseren Leben wecken: Da ruft ein Film innere Bilder von längst vergessenen Wünschen wach. Eine Geschichte „nimmt mich mit“ und lässt mich die Enge meines Lebens spüren. Oder ich begegne einer Person, die mich fasziniert, weil sie etwas lebt, was auch in mir selbst schlummert. Und ganz merkwürdig: Manchmal weiß ich nicht einmal, was mir fehlt. Nur dieses Gefühl einer unerfüllten Leere. Ein schmerzliches Ungenügen. Der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton formuliert diese Erfahrung so: „Selbst zuhause habe ich immer noch Heimweh.“
 
Heimweh ... Weil unsere Heimat auf Erden nach oben – zum Himmel – offen ist.

Wir Menschen sind widersprüchliche Wesen: Auf der einen Seite sind wir begrenzt – und werden zugleich von einem unbegrenzten Hunger geplagt. Wir sind endliche Geschöpfe und verspüren doch einen unstillbaren Durst nach dem Unendlichen. Die christliche Spiritualität deutet diese Sehnsucht als eine göttliche Kraft im Menschen. Sie ist die Herzens-Stimme, die jedem Menschen seinen Weg zeigt. Sie lässt ihn nach seiner Aufgabe im Leben, nach seiner Bestimmung suchen. Sie weckt den Traum von einer besseren Welt und schickt ihn auf den Weg, das Seine dazu beizutragen. Steckt jemand in einer Krise, treibt die Sehnsucht ihn an: „Bleib nicht sitzen in deinem Elend, sondern steh auf und suche, was dir fehlt. Halte Ausschau nach dem, was dich gesunden lässt.“ Und auch, wenn alles gerade stimmig ist, so weitet die Sehnsucht einem das Herz, denn in diesem ist immer „Raum für mehr, für Schöneres, für Größeres“ (Nelly Sachs). Für mehr Liebe und Leben, Freude und Freundschaft, Friede und Gerechtigkeit … Davon kann das Herz nie genug bekommen!
 
Die Sehnsucht gleicht einem spirituellen Instinkt für eine Wirklichkeit, die größer ist als wir selbst und alles Endliche. Augustinus deutet daher die Sehnsucht als eine Suchfunktion, die den Menschen auf Gott hin ausrichtet: „Auf dich hin, Gott, sind wir geschaffen. Und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ Wir Menschen finden also nie ganz heim, sind nie ganz zufrieden, weil wir unsere wahre Heimat und unseren tiefsten Frieden nur in Gott finden. Gott allein ist groß genug, um den Leerraum des menschlichen Herzens zu füllen. Nun kann man aber auch vergessen
oder gar nicht auf die Idee kommen, dass der unersättliche Hunger uns Gott in die Arme treiben will. Und dann beginnt die endlose Jagd, die innere Leere mit anderem zu füllen. Die Suche nach „immer weiter, immer höher, immer mehr“ hält viele Menschen in Atem. Doch nichts kann das eigentlich Gesuchte wirklich ersetzen. Ist das vielleicht eine der Wurzeln, warum der Konsum immer noch weiter gesteigert werden will, obwohl wir manche Grenzen des Verantwortbaren schon überschritten haben? Hat nicht auch die Anfälligkeit für Drogen hier ihren Ursprung? So vieles kann zur Droge werden: Besitz, Macht, Ansehen, das Handy, das Spiel, die körperliche Lust. Das Fatale an den Drogen ist, dass man in eine Spirale gerät. Denn man braucht immer mehr davon – und hat immer weniger davon. Dies kann in einen zerstörerischen Kreislauf führen.
 
... die Sehnsucht, die mein Herz weitet zum Raum für mehr
 
Wie aber finden wir das, was uns wirklich erfüllt? Der Philosoph Sören Kierkegaard schrieb: „Der Zustand der Welt ist krank. Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte: Was rätst Du? Ich würde antworten: Schaffe Schweigen!“ Um dem näher zu kommen, was uns fehlt, müssen wir also – wie ein Arzt – uns selber abhorchen. Und dazu braucht es Räume der Stille. Die Stille ist der Ort, wo sich das Herz zu sagen traut, was einem manche Mode, Werbung oder Propaganda auszureden versuchen. Vielleicht liegt die Sehnsucht auch unter einem Berg fremder Erwartungen begraben. In der Stille kann sich zu Wort melden, dass uns immer und immer noch etwas fehlt. Und dass wir also mit unserer Sehnsucht an kein Ende kommen.

Diese Unersättlichkeit kann zum Hinweis werden, wohin die Reise der Sehnsucht geht: Wir sind zu Höherem berufen! Denn das Unersättliche kann sich letztlich nur an das Unerschöpfliche wenden. Unerschöpflich aber ist nur Gott.

So wird die Stimme der Sehnsucht zum Kompass, um zu unserer ursprünglichen Ausrichtung auf Gott zurückzufinden. So wie es die Beterinnen und Beter der Psalmen seit Jahrtausenden tun: „Gott, du mein Gott, dich suche ich. Meine Seele dürstet nach dir“ (Psalm 63, 2). Durch diese Ausrichtung kann eine neue Freiheit wachsen: Ich ahne, dass nur Gott meine tiefste Sehnsucht erfüllen kann. Und dass ich daher begrenzten Dingen gar nicht so atemlos nachjagen brauche. Geld, Macht, Erfolg können Gott nicht ersetzen. Wenn ich dies zu glauben vermag, dann kann ich alles Begrenzte genießen, ohne ihm zu verfallen. Die unstillbare Sehnsucht schlägt nicht um in Gier, sondern erwartet ihre letzte Erfüllung von Gott her. Und findet das rechte Maß im Gebrauch und Genuss aller anderen Dinge.

Konkret kann dies bedeuten: Je weniger ich von der heimlichen Angst geplagt werde, zu kurz zu kommen, umso mehr kann ich mich selbst entschleunigen. Der Glaube an Gott lässt eine Gelassenheit wachsen, weil ich nicht alles auf die Karte dieser Welt setze. Ich muss nicht über die Stränge schlagen, sondern kann meinen eingeschränkten Lebensraum als Ort begreifen, der auf der Erde Heimat schenkt und der zugleich nach oben – zum Himmel hin – offen ist. Wenn ich weiß, was oder besser: wer mir wirklich fehlt, kann ich mich dem liebevoll zuwenden, der mir im Innersten entspricht. Manchmal sagen Menschen, die sich lieben: „Wir sind wie für einander geschaffen.“ Und wer Gottes Liebe ahnt, könnte dann sagen: „Ich bin wie für ihn geschaffen.“
 
Andreas Knapp, Mitglied der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“, lebt in Leipzig.