Geist-Braus

17.05.2024 |

„Der Geist erfüllt mit Brausen das weite Erdenrund“, singen wir in der Festzeit von Pfingsten. Wer das Unsichtbare liebt, freut sich an Wind und Sturm – Naturmächte, deren Kraft sich nurmehr an ihrer (Aus-)Wirkung ablesen lässt. Der Weg zu Gottes Geist führt über den Wind. Unser Atem ist Leben, vom Schöpfer „eingeblasen“.
 
Der Weg zum Geist führt über den Wind, den Geist-Braus, altbiblisch die „ruach“ (oft, aber nicht immer weiblich). Von Anbeginn an als Gottes Geist „schwebend über den Urwassern“ (Genesis 1, 2), hier weiblich. 
Man muss ihn fühlen und spüren, diesen Geistbraus: sinnlich wahrnehmen, sich von ihm berühren lassen oder mit ihm kämpfen. Dann erst sollte man darüber nachdenken, wer das ist, der, die „Heilige(r) Geist(in)“. Oder einfacher: die Geistkraft. 
 
Der Wind ist für unsere Augen eine verborgene Energie und weit mehr als bewegte Luft oder physikalisch messbar. Von den vier großen Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde bleiben Wind und Luft vordergründig unsichtbar. Es geht um Analogie und Symbolik: Das Unsichtbare, das uns bestürmt, uns aufrüttelt und durchschüttelt. Und das Überraschende dabei, die „Böe“, überfallartig und spontan. Wie Mirjam und David plötzlich zu tanzen beginnen (Exodus 15, 20f; 2 Samuel 6, 14), oder die Prophetengruppe von Gibea und Saul, die in Verzückung geraten „und in einen anderen Menschen verwandelt werden“ (1 Samuel 10, 5f). Nur die Wirkung seiner unsichtbaren Stärke sehen und spüren wir: Wie im Gewittersturm Gott die Zedern bricht und den Libanon hüpfen lässt, wie die Wüste vor ihm bebt und er ganze Wälder kahl reißt (Psalm 29). Wir vergessen es zu oft: Geistige Erfahrung ist ursprünglich mit sinnlicher Energie verknüpft. 
 
Miteinander von himmlischem und irdischem Geistbraus
 
Für die Liturgie an Pfingsten schuf die Freiburger Künstlerin Carola Faller-Barris dieses Bild (2021, Acrylfarbe auf Papier). Es findet sich im neuen Evangelistar des Freiburger Münsters.
Auch Martin Buber will diesen Doppelaspekt des Ruach-Geistes bewahrt wissen, „das heißt, jenes von Gott ausgehende brausende Urwehen, das im Wind eine naturhafte, im Geist eine seelenhafte Gestalt annimmt“. Nicht zufällig kommt unser Begriff „spirituell“ vom lateinischen Wort für „Luft, Atem“. Nirgends wird das deutlicher als im Miteinander von himmlischem und irdischem Geistbraus, sei es im Gewittersturm oder im Intellekt und Geistesblitz, der zum Aufbruch drängt und mich fortträgt zu neuer Erkenntnis und anderer Sprache.
 
Wind-Stoß und An-Stoß: Wer das Unsichtbare liebt, liebt Wind und Sturm. Prophetisches Ergriffen-Sein, ekstatische Verzückung, der warme Lebens-Odem im Menschen, Keuchen und Ringen um Luft, der letzte Hauch und der erste Schrei, Atem und Wind durchweben uns im Alltag und in besonderen Lebensmomenten: „Ohne Dein lebendig Wehn, kann im Menschen nichts bestehn …“ (GL 815). Atem ist Leben, vom Schöpfer geschenkt und „eingeblasen“ (Genesis 2, 7). Er lässt uns befreit aufatmen: „Du hast mir Raum geschaffen, als mir angst war,“ Luftenge und Herzensnot: „Angst“ stammt von „eng sein, keine Luft mehr bekommen“ (Psalm 4, 2) und Gottes Rettung bedeutet, neu durchatmen dürfen.
Auch im sanften, zärtlichen „Anhauch“ lebt die Vollgestalt dieses Gottes-Geistes, wie es Elija erfährt, als vor seiner Höhle Gott Jahwe vorbeizieht (1 Könige 19, 11-13) oder wenn Jesus im Anhauch Kraft und Vollmacht seines Vaters überträgt (Johannes 20, 22).
 
Gott Jahwe: ein Sturm- und Wettergott der Berge
 
Wer über den Heiligen Geist nachdenkt, sollte beim Wind beginnen und versuchsweise „elementare“ Theologie betreiben. Den übermütigen Wind spüren, der im Herbst die Mützen wegweht und Drachen steigen lässt; den kalten Nord-Ost- oder den rauen Seewind, der Nasen und Wangen rötet, aber Segelboote vorantreibt und Windräder rotieren macht, die uns Strom bringen. Die Freiburger kennen den „Höllentäler“, der vom Dreisamtal herunter durch den Münsterplatz fegt und in heißen Sommernächten Kühlung bringt. 
 
Gott Jahwe war im frühen Israel ein Sturm- und Wettergott der Berge. Die pausenlose Präsenz des Wüsten-windes erinnert daran, wie Fachleute die Herkunft seines Namens heute verstehen: Vom herabfallenden Wind des Gewittersturmes, der packt und stößt und mitten ins Gesicht schlägt. Diese schonungslose Gegenwärtigkeit führt später zur Deutung des Jahwe-Namens als der „Ich bin da“ für euch. Sein dynamisches „Bin da“ ist ein heller Glockenklang, der die Bibel durchweht und das Gottesvolk mitreißen will, und zwar ausdrücklich alle, nicht nur die Verantwortlichen und Profis. Diese mitreißende Geist-Verheißung gilt unterschiedslos für alt, jung, arm oder reich (Joël 3; Ezechiel 36) als sein Gnadengeschenk an Israel und Hoffnung aller Christgläubigen nach der Pfingsterzählung der Apostelgeschichte (Kapitel 2). Sie belebt alles, was tot und starr war, eingefroren und versteinert. Sie erweckt die „ausgetrockneten Gebeine“ zu neuem Leben, „Geist, komm herbei von den vier Winden!“, ruft der Prophet in der wunderbaren Schilderung der Ezechiel-Vision (Kapitel 37) von der Auferweckung Israels.
 
Die Begeisterungs- und Belebungskraft bringt ganz frische Begabungen und Fähigkeiten hervor oder erneuert sie, wo sie verschüttet waren, wie etwa das versteinerte Herz in Ezechiel 36, 26f. Sie räumt alte Missverständnisse aus und führt Sprachen und Vorstellungen neu zusammen (siehe wieder die Pfingsterzählung). In diesem Sinne wünscht sich auch Mose in Numeri 11, 29: „Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würden, wenn nur der Herr seinen Geist auf alle legte!“ 
 
"Wer bestimmt den Geist des Herrn?"
 
Jetzt geht es um die Vielfalt der Gnadengaben, die nach allen Richtungen ausströmen und unterschiedliche Ebenen und Situationen betreffen, aber alle gleich wertvoll sind, „denn der Geist-Wind weht, wo er will“ (Johannes 3, 8). Oder alttestamentlich: „Wer bestimmt den Geist des Herrn?“ (Jesaja 40, 13). Er lässt sich nicht für unsere Zwecke einspannen oder kanalisieren. 
 
Die Geistes-Gaben bilden ein buntes Kommunikationsnetz, das zusammengehalten wird von dem einen Geist, der Einheit stiftet, weil er von dem einen Gott herkommt (Monotheismus): „Er bewirkt alles in allen.“ Paulus erklärt das im ersten Korintherbrief (Kapitel 12) für seine Gemeinden. 
 
Im Jesajabuch werden im Ersten Testament die Geistesgaben aufgezählt, die man sich am Messias-König der Zukunft wünscht, als festen Grund für eine bessere Welt. „Friedensfürst“ ist dort wohl der wichtigste Thronname (Jesaja 9, 5). Und in Jesaja 11 hören wir von den sechs Gaben, die der Geist des Herrn dem neuen David verheißt: Weisheit und Einsicht, Rat und Stärke, Erkenntnis und Gottesfurcht (später fügte man hier die Frömmigkeit an, um die Siebenzahl voll zu machen). In Jesaja 11, 9 wird speziell die Gabe der Gottes-Erkenntnis Israel und allen Menschen angewünscht beziehungsweise „demokratisiert“: „Das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.“ 
 
In der alttestamentlichen Sprache bedeutet diese „Erkenntnis“ viel mehr, als wir uns vorstellen können. Es ist nicht nur Gebotserfüllung, sondern ein inneres Dabei-Sein, eine unmittelbare Verbundenheit, ein beidseitiges intimes personales Verständnis füreinander. Es ist die gleiche Sprache, wenn es von Adam heißt, dass er Eva „erkennt“ (Genesis 4, 1) und wie der Gottesspruch in Amos 3, 2 verkündet: „Nur euch habe ich erkannt, unter allen Stämmen der Erde.“ Hier wird die Geistesgabe zum Hochzeitswort zwischen Gott und Mensch, weil das Herz zum Herzen spricht. Darum ist für den Gottesgeist auch die Taube das passende Symboltier, der Flügelschlag der Liebe und des Friedens, die für Noach und alles Leben in der Arche ankündigt, die Zeit der Versöhnung nach der Katastrophe der Sintflut, den neuen Aufgang der Schöpfung im Bundeszeichen des Regenbogens.
 
Von Bernd Feininger
Der Autor ist Religionspädagoge em. und lebt in Gengenbach.