Tun wir so, als gäbe es Hoffnung

12.01.2024 |

Von Jorg Therstappen
 
Optimismus kann Menschen auf die Palme bringen. Manche reagieren geradezu allergisch darauf. „Verschonen Sie mich mit Ihrem toxischen Optimismus“, warf mir einmal eine Jugendliche entgegen, als ich während eines Gespräches im Seelsorgeraum der Klosterschule versuchte, ihrer umfassend dargestellten Schwärze, mit der sie sich zu ihrem persönlichen Schutz auch äußerlich kleidete, etwas Farbe beizumischen. Für jemanden, dessen Niedergeschlagenheit in bestimmten Lebensphasen umfassend erscheint, hat der Optimismus keinen Griff, an dem er sich halten könnte. 

Die Rede vom Optimismus ist immer etwas wohlfeil, und die Hände sind dabei gleichsam leer. Man wirft dem Gegenüber eine Luftblase herüber, gibt nicht zu, dass es eigentlich nichts zu antworten gibt angesichts der Weite der Aussichtslosigkeiten, der Größe des Kummerfeldes. Ein wichtiger Aspekt in der Arbeit der Schulseelsorge ist es, mit der so häufig erfahrenen Ohnmacht umgehen zu können, mit dem Unvermögen, an dem Leid, von dem man immer wieder erfährt, etwas ändern zu können. Gelegentlich hilft man dabei, durch eifriges Vorsprechen und Betteln die Wartezeit für den Platz bei einer Therapeutin zu verkürzen, und gelegentlich lässt es gewisse Eltern etwas vorsichtiger werden, wenn sich der geschlossene häusliche Bereich öffnet und eine Anzeige beim Jugendamt drohen könnte. Insgesamt aber ändert sich nicht viel, eigentlich beinahe nichts. Eine Straßburger Religionslehrerin, selber lange in der Seelsorge tätig, brachte dies so auf den Punkt: „Ab und zu einen kleinen Zweig aus den Flammen klauben, mehr ist es nicht.“ Einen Raum für Gespräch, für Rat, für das Weinen-Können angesichts einer Situation, die sich nur mit Mühe und in seltenen Fällen wenden lässt. Also alles hoffnungslos? Nein, so verhält es sich nicht. 
 
„Tun wir so, als gäbe es Hoffnung“

„Tun wir so, als gäbe es Hoffnung“ waren die Worte einer anderen Jugendlichen, die nach einer Pause wieder einmal „zur Seelsorge“ kommen wollte. Und diese Worte gaben mir zu denken. Hoffnung „gibt es“, aber wir verfügen nicht über sie. Sie lässt sich nicht einfach zusprechen, so wie man es mit der etwas behäbigen, immer doch tendenziell unreflektierten Zuversicht versucht oder dem zur Einfalt und Bedeutungslosigkeit neigenden Alles-wird-gut-Optimismus. In der Hoffnung stellt sich etwas ein, das über den Bereich eines argumentierenden Zuspruchs hinausgeht, etwas, das einem das Argumentieren-Müssen aus der Hand nimmt. 
 
Von Hoffnung sprechen heißt, von Gottes Erfahrbarkeit zu sprechen. Auch in der Seelsorge. 
 
Aber wann stellt sie sich überhaupt ein? Hoffnung ereignet sich im Kontext der Seelsorge aus einem Wechselspiel von Zugegensein und Zurücktreten, vom Zuspruch im Zuhören, im Aufmerksam-Sein, in der Bereitschaft, keine wohlfeilen, zu einfachen Antworten bei der Hand zu haben, ja überhaupt jenseits von der Frage: Was kann ich tun? Du alleine kannst ja ohnehin nichts tun, wie vermessen auch, das zu glauben. Hoffnung entsteht gerade angesichts der Ohnmacht, es obliegt dir nicht, über sie zu verfügen, und im vollen Bewusstsein des Unvermögens stellt sie sich ein. Hoffnung bedarf der Aufmerksamkeit des Zurücktretens. Sie nutzt diesen so entstehenden Raum, dem Gebet zugehörig, um sich zu entfalten, einen Raum, der sich auftun kann; „tun wir so, als gäbe es Hoffnung“ enthält den Schlüssel, um ihn zu öffnen. 
 „Meine Gnade genügt Dir“, sagt der mystische Christus zu Paulus, „denn sie erfüllt ihre Kraft in Deiner Schwachheit“ (2 Korinther 12, 9).
 
Eben hierin liegt Hoffnung. Aus dieser Schwachheit ergibt sich der Sinn der dritten Bitte des Vaterunser: etwas in die Hand Gottes legen, seinen Willen geschehen lassen. Hoffnung stellt sich ohne das Zutun eines Seelsorgers ein, und sie kommt wohl selten genug, aber wenn sie sich einstellt, dann kraftvoll und unverwechselbar. Sie kommt unerwartet, aber man muss mit ihr rechnen. Hoffnung hat eine Provenienz, und sie weist, wenn sie aufscheint, über sich selbst hinaus. Wenn sich Hoffnung ereignet, dann geschieht es aus Gott und vor ihm und in ihm, denn in ihr ist er gegenwärtig. „Herr unser Herr, wie bist Du zugegen“ (GL 414) heißt es in einem niederländischen Kirchenlied, das in unserer wöchentlichen Mittagshore in der Gebetskapelle der Augustiner-Chorfrauen schon öfters als Hymnus gedient hat. In der Hoffnung ist Gott zugegen. Wie man sich nicht einfach dazu entscheiden kann, zu glauben, sondern die Erfahrung macht, dass einem der Glaube gegeben wird, wenn man sich ihm öffnet, und wie man sich nicht entscheiden kann, ganz unvermittelt zu lieben, sondern von der Liebe ergriffen wird, wenn die Zeit dafür gekommen ist, so kann niemand anders Hoffnung geben als Gott selbst. Die Hoffnung, so sie sich einstellt, ist eine Art, sein Zugegensein zu erleben. Die Hoffnung verweist auf den erfahrbaren und sich erfahren lassenden Gott. 
 
Der Erfahrungsraum der Seelsorge ist eine Erfahrung mit Gott

Weil die Hoffnung nicht einfach zugesprochen werden kann, ist sie an die Ohnmacht gebunden und ihr zugleich doch ganz entgegengesetzt. So hat die bewusste Annahme dieser Ohnmacht, christlich gesprochen, nichts Resignatives, sondern sie öffnet sich einem Erfahrungsraum, den Gott erfüllt. Einer Jugendlichen also, die gegenüber dem Schulseelsorger äußert: „tun wir so, als gäbe es Hoffnung“, ist trotz allen Leids, das sie schon erfahren musste, vielleicht gegenwärtig, dass sie es nicht alleine trägt, dass es vor Gott nicht verborgen ist, und dass in der Hoffnung, die es ihr zu tragen hilft, der erfahrbar ist, in dessen Liebe wir uns aufgehoben wissen. Hoffnung, da sie so auftritt, ist ein Aufscheinen seiner Spur. Von Hoffnung sprechen heißt, von Gottes Erfahrbarkeit zu sprechen. In diesem Sinne ist der Erfahrungsraum der Seelsorge eine Erfahrung mit Gott. Diese Verwunderung, dieses dankbare Erstaunen, wenn sich die Hoffnung so unerwartet einstellt, nachdem zuvor alles festgefahren war, dies ist tatsächlich ein religiöses Erleben, eine Erfahrung des Hinzugetan-Werdens, des Beistand-Findens, bei dem der Seelsorger selber nur assistiert oder am Rande anwesend ist. 
 
Gäbe es diese Hoffnung nicht, wäre die Lage zum Verzweifeln. Aber seinen Willen geschehen zu lassen, hilft, das Unhaltbare auszuhalten. Es heißt aber auch, seinem Zutun Raum zu gewähren. Herr, so könnten wir beten, hilf uns, die Hoffnung, die so unverfügbar ist und die doch von Dir kommt und in der Du so zugegen bist, dankbar zu erfahren und sie nicht zu versäumen. Hilf uns, sie denen anzuempfehlen, die in unsere Verantwortung gegeben sind und auch Zeugnis von ihr zu geben, denn es ist das Zeugnis von Dir. 
 
Jorg Therstappen ist Schulseelsorger an den Klosterschulen Unserer Lieben Frau in Offenburg.