Ist der Weg das Ziel?

14.02.2025 |

Tatsächlich braucht es Mut zu entscheiden, was den Einsatz lohnt

Von Eva-Maria Faber
 
„Der Weg ist das Ziel“, heißt es manchmal. Es gibt Gründe, mit diesem rasch dahingesagten Satz nicht einverstanden zu sein, obwohl er im Blick auf den Alltag durchaus Berechtigung hat.

„Der Weg ist das Ziel“ – das tönt nach dem Verzicht, sich auf ein Ziel festzulegen. Der Weg scheint zu genügen, sei es, weil er die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht, sei es, weil er als in sich erfüllend erlebt wird. Fehlt dann aber nicht der Blick nach vorn, so dass man im gerade eben Verfügbaren, im gerade eben sich Anbietenden steckenbleibt? Ein Ziel würde helfen, die eigenen Kräfte zu bündeln, Zielstrebigkeit zu entwickeln, die Aufmerksamkeit zu konzentrieren. Tatsächlich aber braucht es Mut, sich zu entscheiden, welches Ziel diesen Einsatz verdient, für welches Ziel ich also solche Konzentration aufbringen möchte. Denn gleichzeitig bringt dies den Verzicht auf manche anderen Ziele mit sich. 
 
Ein falscher Trost

Doch es lohnt sich: Ein Ziel gibt dem Leben Orientierung und dadurch auch eine eigene Schönheit. Man merkt es Menschen an, wenn sie sich anspruchsvolle Ziele im Leben gesteckt haben. Ihre Ausstrahlungskraft kann faszinierend wirken. Darum wirkt der Satz „Der Weg ist das Ziel“ auf mich zu dumpf. Es scheint mir der menschlichen Würde nicht zu entsprechen, auf einen Weg reduziert zu werden.
Die Aussage „der Weg ist das Ziel“ ist manchmal auch ein falscher Trost, wenn er sich an Menschen richtet, die bekümmert ein Ziel aufgeben mussten, oder noch schlimmer, an Menschen, die schwierige Lebenswege zu gehen haben. Für manche mag der Lebensweg relativ bequem sein, im Wohlstand, über lange Phasen ohne ernste Krisen. Für viele Menschen aber ist es ein Weg am Abgrund, der sicherlich nicht in sich selbst schon Ziel ist.

Gerechtigkeit, Wohlergehen, Frieden sind auf menschlichen Lebenswegen sehr ungleich verteilt. Ein menschheitliches Ziel muss es sein, Sorge für mehr Gerechtigkeit zu tragen. An der Verantwortung daran haben alle teil – gerade diejenigen, die auf ihrem Weg mit allem Lebensnotwendigen gut ausgestattet sind.
 
Was wäre ein noch so hehres Ziel, wenn ich darüber versäume, was am Wegrand nach meiner Aufmerksamkeit verlangt?

Darüber hinaus möchte ich – als Glaubende – nicht auf die Verheißung verzichten, dass uns Menschen ein Ziel erwartet, das nicht nur die Summe unseres Lebens und das Ergebnis der eigenen oder menschheitlichen Leistungen ist. Das Streben nach mehr Gerechtigkeit im menschlichen Zusammenleben, nach Frieden im Großen wie im Kleinen, nach bewahrendem Umgang mit der Schöpfung scheint in vielem vergeblich zu bleiben. Es tut gut, den biblischen Visionen zu folgen, dass dieses Sich-Abmühen nicht ins Leere geht. Einmal wird es sein, dass Gott Menschen zum Recht verhilft, dass Gott die Wunden dieser Schöpfung heilt und die Tränen trocknet.

Nein, der Weg ist nicht das Ziel. Doch es gibt auch die andere Schieflage. Das Leben kann verarmen, wenn es ganz auf ein Ziel in der Zukunft – in einer diesseitigen Zukunft oder auch in einem Jenseits – ausgerichtet ist. Darüber kommt zu kurz, wie wertvoll die Gegenwart ist. Das ist ja im Alltag oft erfahrbar: Mit dem Kopf sind wir meist schon beim nächsten. Einfach in der Gegenwart sein ist gar nicht so einfach.
 
Der Weg selbst hat seine Würde, seine Bedeutung

Das Gespür für den Wert des Weges bewahrt davor, einem Ziel auf Kosten der Gegenwart nachzurennen. Der Weg selbst hat seine Würde, seine Bedeutung. Es wäre ein armes Leben, wenn jemand sich von Feierabend zu Feierabend hangelt, von Wochenende zu Wochenende, von Ferienzeit zu Ferienzeit. Wenn die lebenswerten Ziele des eigenen Lebens so gebaut sind, dass sie neben dem Alltag zu stehen kommen, wird der Alltag leer. Umgekehrt: Manche Ziele sind deswegen so wertvoll, weil die Wegetappen zu seiner Realisierung selbst dann noch Sinn haben, wenn das Ziel als solches sich zerschlägt.

Und was wäre ein noch so hehres Ziel, wenn ich darüber versäume, was am Wegrand nach meiner Aufmerksamkeit verlangt, sei es etwas Schönes oder auch ein hilfsbedürftiger Mensch? Religiöse Hoffnungen standen manchmal im Verdacht, Vertröstungen zu sein. Statt für gerechte Lebensverhältnisse zu sorgen, würden Menschen durch Jenseitsversprechen abgelenkt. Die biblische Hoffnungsbotschaft ist allerdings sehr deutlich darin, dass das Reich Gottes – als Ausdruck für die Vollendung – schon hier und jetzt in die Gegenwart drängt. Die Hoffnung auf die Gerechtigkeit, die Gott selbst aufrichten wird, verpflichtet die Hoffenden zu solidarischer Praxis hier und jetzt. Die Hoffnung auf eine Freude, die nicht mehr vergeht, will jetzt schon Menschen beglücken und in Freude zusammenführen.

Wenn allerdings der Weg schon das Ziel wäre, bliebe es beim Fragment. Umfassende Gerechtigkeit wäre ein bloßer Traum. Wege und Ziele, die Menschen bewegten, würden gleichermaßen im Leeren enden. Es ist ein Entscheid des Glaubens zu hoffen, dass all unsere Wege und Ziele in einem letzten Ziel aufgehoben sind. Wer diesen Schritt des Glaubens tut, kann von dort her die Wege und Ziele in seinem Leben gestalten.
 
Die Autorin Eva-Maria Faber lehrt Dogmatik an der Theologischen Hochschule in Chur (Schweiz).