Der Wirklichkeit voraus

02.02.2024 |

Um vergeben zu können, braucht es Fähigkeit, Möglichkeit und Ermutigung

Manche Dinge brauchen lange, um zu heilen. Wichtig ist der erste Schritt ...
 
„Wie oft muss ich vergeben?“ (Matthäusevangelium 18, 21). – Vergebung ist für manche aus unterschiedlichen Gründen ein schwieriges Thema. Zu sehr und zu oft stehen das „Müssen“ und ein moralischer Appell im Vordergrund. Lange wurde von den Kanzeln gepredigt: „Du musst vergeben!“ Wer das nicht konnte, war nochmals neu beschämt. 

Groll, Ärger, Zorn, Unversöhnlichkeit – all das hat im christlichen Kontext keinen hohen Stellenwert. Diese Gefühle reichen an den hohen christlichen Moralkodex nicht heran. Aber in uns allen wohnen diese Gefühle, außer wir haben schon den Stand der Heiligsprechung erreicht. Also: Wenn diese Gefühle in uns sind, dann ist ein erster wichtiger Schritt, sie zuzulassen. Hier ist die Kunst der Balance gefragt: nicht unnötig füttern (also dauernd nähren oder Wunden aufreißen), aber eben auch nicht verdrängen. 

Können wir ein Gefühl dieser Art einfach wahrnehmen, in dem Sinn: „Ah, da ist immer noch Groll in mir“?

Ich liebe Sprache und ich spiele gerne damit. Im Internet habe ich folgende Übersicht über die Modalverben gefunden. Wenn wir sie mit unserem Thema „Vergeben“ verbinden, dann ergeben sich sehr unterschiedliche Nuancen. Ich möchte Sie einladen, das auf sich wirken zu lassen. Nehmen Sie eine Erfahrung in den Blick und spüren Sie diesen unterschiedlichen Nuancen nach. Was bewegt sich in Ihnen?
 
  • Möglichkeit, Fähigkeit, Ermutigung: Ich kann vergeben.
  • Gebot, Zwang, Verpflichtung: Ich muss vergeben.
  • Verpflichtung, Aufforderung: Ich soll vergeben.
  • Erlaubnis, Zuspruch: Ich darf vergeben.
  • Absicht, Bereitschaft: Ich will vergeben.
  • Wunsch, Möglichkeit: Ich möchte vergeben.
 
Mit dem Thema „Vergeben können“ betreten wir einen ganz eigenen Raum. Vergeben zu können ist ein wunderbares Geschenk. Wer es erfahren hat, weiß, wie entlastend das ist. Ja, man ist selbst entlastet. Auf einer Fortbildung wurde das einmal sehr anschaulich vorgeführt. Der Referent bebilderte im Zusammenhang mit Vergebung unsere Redewendung „Nachtragend sein“: Zwei Menschen gingen hintereinander her. Einer ging vorweg. Den Menschen, der hinter ihm herlief, hatte er gar nicht im Blick. Dieser trug eine schwere Last auf den Schultern. Das war die Schuld, die der andere ihm zugefügt hatte. Er trug dem anderen diese Last hinterher. Genau das meint „Nachtragend sein“. 
Wie wohltuend ist es, vergeben zu können!

Und wenn ich nicht vergeben kann?

Manches ist wirklich schwer zu vergeben, und es braucht Jahre, bis es gelingt, wenn überhaupt. In dem Film „Die Hütte“ wird ein Versöhnungsweg unter schwierigsten Voraussetzungen sehr eindrücklich nachgezeichnet. Dieser Weg hat autobiografische Züge.

Mack, die Hauptfigur, ist durch den Tod seiner Tochter schwer belastet. Er kann dem Mann, der seine Tochter gewaltsam getötet hat, nicht vergeben. Wie auch? In dem Film begegnet Mack in der Hütte, in der das Verbrechen geschehen ist, Gott. In unterschiedlichen Etappen geht Gott mit ihm einen Weg, der zu einem Versöhnungsweg wird. In einer Szene ist Mack mit Gott-Vater im Wald unterwegs. Gott-Vater spricht lange mit ihm und ermutigt ihn dann, diesen einen Satz laut auszusprechen: „Ich vergebe dir.“ Mack ist verzweifelt, er kann es nicht, er würde gerne vergeben, aber in ihm sind zu viel Wut und Bitterkeit. Gott-Vater sagt zu Mack sinngemäß: „Sprich diesen Satz, auch wenn du ihn noch nicht fühlst. Sprich ihn zehnmal, hundertmal, tausendmal. Sprich ihn, auch wenn er deiner Wirklichkeit noch nicht entspricht. Sprich ihn und nimm damit Wirklichkeit vorweg.“ 

Die Idee ist, dass das laute Aussprechen dieses Satzes, auch wenn er noch nicht Wirklichkeit ist, eine Wirkung hat. Wir richten uns auf eine Wirklichkeit aus, die zwar noch nicht im Bereich unserer Möglichkeiten ist. Im Aussprechen nehmen wir sie aber vorweg. Wir können „wie auf Probe“ in sie eintreten, und so kann diese Zukunft auf uns zukommen. 

„Wie oft muss ich vergeben?“ 

Ich finde diese Frage von Petrus an Jesus und auch die Antwort Jesu durchaus herausfordernd. Jesus antwortet „Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal“ (Matthäusevangelium 18, 22). Die Deutung einer Kollegin hat mir hier einen neuen Blick ermöglicht: Sie sprach von der Schwierigkeit vergeben zu können. Manches können wir an dem einen Tag vergeben, und denken: So, jetzt habe ich es geschafft. Zwei Wochen später spüren wir die Wunde wieder, den Groll und den Ärger. Und dann? Dann noch einmal vergeben, und noch einmal ...

Manche Dinge brauchen lange, bis sie geheilt sind. Wichtig ist, dass wir den ersten Schritt gehen. Er muss nicht perfekt und nicht vollkommen sein, und er kann, unsere Zukunft vorwegnehmend, darin bestehen, diesen Satz laut auszusprechen: „Ich vergebe dir.“ 

Wenn Sie sich jetzt über das Ende dieses Textes ärgern und den Tipp für Ihr Problem zu einfach finden, dann nehmen Sie das einfach wahr: „Ah, da ist Ärger in mir und – immer noch – Groll.“
 
Ruth Fehling, Pastoralreferentin in der Kirchengemeinde Waldbronn-Karlsbad.