Von der schwierigen Suche nach der ganz eigenen Bestimmung.
Zwischen Individualität und Mainstream: Influencer bewerben Produkte und Lebensstile. Ihre Follower (dt. Anhänger) lassen sich davon inspirieren – aber auch stark beeinflussen.
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Kürzlich stieß ich auf eine Anekdote über den Komponisten Anton Bruckner. Auf die Frage, ob er denn Beethovianer oder Wagnerianer sei, habe er geantwortet: „Na, nix, i bin selber aner.“ Ganz gleich, ob die Anekdote wahr oder gut erfunden ist, ganz gleich, wie sie sich biografisch und musikalisch zum Leben und Werk Anton Bruckners verhält: Sie kann mitten in einer zunächst heiteren Freude an solcher Schlagfertigkeit Sehnsucht wecken. Die Sehnsucht, selbst zu einer solchen Antwort fähig zu sein. Denn so einfach ist es gar nicht, zufriedene Stimmigkeit mit sich selbst zu finden und „selber aner“ zu sein.
Vielen Menschen ist es heute wichtig, selbstbestimmt zu leben, authentisch und originell zu sein und das eigene Leben zu „stylen“. In einer Zeit der Individualisierung scheint das sogar selbstverständlich zu sein. Herkunft und familiäre Traditionen legen zumeist nicht fest, und selbst die eigenen biografischen Entwicklungen lassen noch flexible Spielräume offen. Jede und jeder kann eigene Wege wählen.
Diese Freiheit aber geht mit Verunsicherungen einher. Wie finde ich die Ausrichtung, die zu mir passt? Wird meine Lebensart Anerkennung finden? Es gehört Mut dazu, hinzustehen und zu sagen: „Ich bin selbst jemand.“ Viel einfacher ist es, sich am Stilgeschmack anderer, an Moden, am Stimmungsbild der Mehrheit zu orientieren. „Influencer“ geben den Ton an und dirigieren das Konsumverhalten. Sind Selbstbestimmung und Originalität also eine Illusion? Das Bewusstsein der eigenen Unverwechselbarkeit, Kostbarkeit und Würde hat sich in der westlichen Kultur auf dem Boden des jüdisch-christlichen Glaubens herausgebildet. Auch heute bleibt der Glaube eine Wurzel für eine Lebensgestaltung aus solcher Würde. Denn er bezeugt die göttliche Selbstzusage und Anerkennung: Du bist mein geliebtes Geschöpf, geliebte Tochter, geliebter Sohn. Du bist kostbar und einzigartig.
Es ist jedoch eine Suchbewegung, bis ein solcher Zuspruch das eigene Selbstverständnis wirklich durchdringt. Dazu genügt es nicht, eine entsprechende Theorie zu vertreten; es braucht eine Einübung, um sich davon erfassen zu lassen.
Die Bibel ist voll von Geschichten, in deren Mittelpunkt ein einzelner Mensch steht. Oft sind es Personen, die betont mit ihren Namen angesprochen werden: Samuel und Hagar, Maria Magdalena ebenso wie Zachäus. Manchmal müssen diese Menschen erst mühsam begreifen, dass sie ganz persönlich gemeint sind. Gemäß der Erzählung im ersten Samuelbuch (3. Kapitel) kann Samuel nicht erkennen, dass Gott ihn gerufen hat. Zu sehr versteht er sich in Unterordnung unter Eli. Er muss erst lernen, dass er „selbst einer“ ist, einer, der nicht nur Diener ist, sondern einer, der selbst gerufen wird. Die blutflüssige Frau wagt es nicht, Jesus von vorn zu begegnen und für sich Hilfe zu beanspruchen. Doch in der Begegnung mit Jesus erfährt sie sich als eine, die eigener Aufmerksamkeit wert ist (Markusevangelium 5, 21-43).
Auf eindrucksvolle Weise stellt der Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610) die Berufung des Matthäus dar. Zwar ist nicht geklärt oder bewusst offengelassen, wer eigentlich Matthäus auf diesem Bild ist. Doch vermutlich ist es der Jüngling, der verkrümmt und Geld zählend dasitzt. Er wirkt wie einer, der noch nicht wirklich zu sich selbst erwacht ist. Jesus richtet seinen Finger auf ihn. Und damit fängt das Bild gewissermaßen den Moment ein, der diesen Jüngling dazu bringt, sich aufzurichten und zu begreifen: Ich bin ja gemeint, ich ganz persönlich.
Ob und wie diese Botschaft Menschen erreicht, lässt sich nicht planen und machen. Doch die Berührung mit solchen Geschichten kann allmählich oder manchmal auch blitzartig die Erfahrung auslösen oder stärken, selbst kostbar zu sein, mit den eigenen Erfahrungen selbst Unvertretbares beitragen zu können, „selbst jemand“ zu sein.
Eine andere Wurzel für eine solche Einsicht ist das schlichte, ganz persönliche, im guten Sinn einsame Gebet, im Kämmerchen, in einer Kirche oder unter freiem Himmel. In einem Alltag, in dem uns ständig Bilder, Geräusche und Stimmen von außen angehen und zerstreuen, braucht es eine gegenläufige Sammlung, in der es möglich ist, ganz bei sich zu sein. Das ist manchmal gar nicht so einfach, denn dann muss ich es ja auch mit mir selbst aushalten. Wer beten möchte, greift dann vielleicht gern zu Texten oder zu Musik. Und doch wäre es gut, sich nicht gleich wieder bei anderen zu bedienen, in der Meinung, dass die Autoren dieser Hilfsmittel es besser können. „Na, nix, i bin selber aner.“ In diesem Fall nicht, weil ich ein großer Komponist wie Bruckner bin, sondern weil ich glaube (nicht unbedingt auch spüre), dass es vor Gott kostbar ist, wenn ich einfach nur da bin.