Nächstenliebe, ganz praktisch

21.01.2025 |

Mit der Nachbarschaftshilfe hat Maria Hensler ein großes Netzwerk geschaffen, das vom Bodensee auf ganz Südbaden ausstrahlte. Wie es dazu kam ...

Wo es am wärmsten ist: Maria Hensler auf der Ofenbank („Kunst“) ihres Hauses in Gaienhofen. 
 
Maria lacht. Maria Hensler lacht fast immer, und wenn sie lacht, dann legen sich viele kleine Fältchen um die munteren Augen der 75-Jährigen. Dabei hatte diese Katholikin in Gaienhofen im Kreis Konstanz im Leben genug schwere Stunden, in denen jeder anderen das Lachen vergangen wäre. Bei ihr ist das anders. Wo andere klagen und ihren Gesprächspartner mit ihrem Lamento aus dem Haus scheuchen, da wirft Frau Hensler ihre Gedanken positiv nach vorne. In ihrer zeitweisen Not schaufelte sie kein Gefühlsgrab, sondern verknüpfte viele Fäden zu einem nützlichen Ganzen. Sie schuf ein Netzwerk. 

Das Netzwerk namens Nachbarschaftshilfe beruht auf einem einfachen Prinzip: Man hilft sich gegenseitig, gewissermaßen über jenen Zaun hinweg, der die Grundstücke trennt und oft das Mitgefühl gleich mit abschneidet. Die eigenen Zäune und die der Nachbarn werden gefühlt höher und massiver. In Henslers Netzwerk „Hilfe von Haus zu Haus e. V.“ soll es anders sein: Nachbarn hören hin, wenn es eine Straße weiter Probleme gibt. Wenn zum Beispiel die Großmutter zunehmend dement wird. Oder wenn ein alter Herr seine Beweglichkeit einbüßt und  ohne Rollator das Haus nicht mehr verlassen kann. Die Freiwilligen der Nachbarschaftshilfe werden dann verständigt und treten stundenweise in Aktion. Sie lesen vor, unterhalten sich, begleiten den Senior beim Spazieren, gehen einkaufen, bieten Fahrdienste an. Letzteres ist auf der Höri am Bodensee besonders wichtig, da die Anbindung an die nächste Stadt Radolfzell noch ausbaufähig ist. „Wir machen alles außer Pflege“, sagt Maria Hensler. Die Pflege sei die Baustelle anderer Organisationen: „Wir wollen doch niemandem den Arbeitsplatz wegnehmen.“ Zudem ist Pflege  hochgradig spezialisiert und kein Fall für das klassische Ehrenamt.  

Das Netzwerk, dessen Fäden sich mittlerweile über das gesamte Südbaden ziehen, fing bescheiden an. Maria Hensler kam dazu wie die Jungfrau zum Kind. Sie erlebte eine Situation, die den meisten Menschen bekannt sein dürfte, deren Eltern ins hohe Alter kommen: Sie war überfordert und ratlos. In ihrem vielköpfigen Haushalt war es so, dass bei ihrem Mann eine Demenz diagnostiziert wurde. Das war kurz nachdem er in den Ruhestand verabschiedet worden war. Helmut Hensler war ein bekannter Bürger, hatte er doch 24 Jahre lang als Bürgermeister die Geschicke von Gaienhofen gelenkt (zur Gemeinde gehören auch die Höri-Dörfer Hemmenhofen und Horn). Gleichzeitig musste sie registrieren, dass die eigene Mutter zunehmend einer intensiven Betreuung  bedurfte. Nun  hatte  sie es mit zwei Pflegefällen zu tun. Eine Situation, an der manch anderer verzweifelt wäre. Sie fasst es so zusammen: „Kaum waren die Kinder weg und aus dem Haus, da waren mein Mann dran und meine Mutter.“  

Sie gab nicht auf und gründete die Nachbarschaftshilfe. Oder ins Biblische übersetzt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Einander helfen, ganz einfach gedacht. Und diese Hilfe sollte immer bezahlbar sein. Auch das ist ein Grundsatz, den Hensler ihrem Verein und vielen Nachgründungen von Anfang an ins Stammbuch schrieb. Der Aufwand sollte überschaubar und im Rahmen des entschädigten Ehrenamts zu bewältigen sein. „Am Anfang waren es nur Frauen, die mitarbeiteten“, erinnert sich die Gründerin. Allmählich kam der eine oder andere Mann hinzu. Heute ist jeder fünfte Mitarbeiter im Netzwerk ein Mann. Nachbarschaft, so möchte man meinen, wird vor allem von Frauen gepflegt. Die Betreuung  von alten und schwachen Menschen liegt in Frauenhand, wie ein Blick in eine beliebige deutsche Pflegestatistik zeigt.   

Noch etwas kommt hinzu: Maria Hensler spürte, dass das „alte Dorf“ mit seinen vielen Verbindungen und Verpflichtungen nicht mehr existiert. „Die alte Nachbarschaft gibt es nicht mehr“, bedauert sie im Gespräch mit dem „Konradsblatt“. Altes Dorf bedeutet, dass man sich kennt und sich (meistens) hilft, dass man sich Gerät und Werkzeug leiht. In Gaienhofen, wo die Henslers ein verwinkeltes Holzhaus für sich und ihre sieben Kinder bauten, ist diese funktionierende Dörflichkeit längst Geschichte. Die Gemeinde auf der Höri leidet an ihrer exquisiten Lage. Oder anders gesagt: Zahlreiche wohlhabende Menschen ziehen an den Bodensee, weil es dort so schön ist. Sie kaufen Häuser und Grundstücke, die für die Einheimischen kaum erschwinglich sind. Dieser Vorgang liegt in der Logik von Marktwirtschaft und Tourismus.
 
Was Frau Hensler aber nicht akzeptiert, ist Folgendes: Diese Neubürger interessieren sich kaum für die Menschen, die in der Parzelle daneben leben. Sie zeigt auf das Grundstück nebenan, das einen feinen Blick auf Untersee und die Schweiz hat. „Die Nachbarn haben damals sofort eine Hecke mit Thuja gepflanzt. Sie wuchs schnell.“ Das Gewächs ist blickdicht. So wollten es die Nebenbewohner. Dass sie sich früher über den Lärm im Hensler’schen Garten mokierten, kommt hinzu. Maria Hensler lacht, wenn sie davon erzählt. „Kinder gehören doch dazu“, sagt sie. Ihr Fazit: Wenn die herkömmlichen Netzwerke gerissen sind, dann bedarf es eines Ersatzes. „Man muss es organisieren“, resümiert sie. Genau das hat sie gemacht. 

Von Beruf war sie Hausfrau, ein Leben lang. „Bei sieben Kindern ist das eigentlich klar.“ Ihr Mann war als Bürgermeister mehr unterwegs als in seinem Balken- und Bohlenhaus. Sie bereut keinen einzigen Tag, den sie zwischen Wochenbett, Kindergarten und Küche verbracht hat. Und noch etwas kommt dazu: Maria ist engagierte Katholikin, Kommunionhelferin (bis zur Coronazeit) und engagiert bei den Landfrauen. Sie saß im Diözesanrat und kann sich bis heute lebhaft an einen Disput mit dem damaligen Erzbischof Robert Zollitsch erinnern. Das ist keine gute Erinnerung für sie. Sie erlebte den  Erzbischof damals als unnachgiebig, als sie sich für die Sache der Frauen einsetzte; ihr ging es darum, dass Frauen mehr Rechte in der Kirche erhalten. Von der Arbeit im diözesanen Gremium ist sie ernüchtert, sie wandte sich ab. Im Netzwerk Nachbarschaftshilfe fand sie ein neues Feld, auf dem sie endlich mehr gestalten konnte.  

Ihre Bewegung wuchs schnell. Dabei gab es auch skeptische Stimmen. Von kirchlicher Seite wurde befürchtet, dass das neue Netzwerk eine Konkurrenz zur Caritas werden könnte. Diesen Einwand haben Hensler und ihre vielen Mitstreiterinnen entkräftet. Den Profis der Pflege wollen und können sie nicht in die Quere kommen, das war nie die Absicht. Ihre Helferinnen arbeiten auf Basis des Ehrenamts, wobei eine Aufwandsentschädigung bezahlt wird. Sie beträgt elf bis zwölf Euro und liegt damit unter dem Mindestlohn (sonst wäre es kein Ehrenamt mehr). 

Nach mehr als 20 Jahren gibt Maria Hensler die Leitung des Netzwerks Nachbarschaftshilfe ab. Ihr folgt eine Frau nach, die in ihrer Gemeinde ebenfalls eine Nachbarschaftshilfe aufgebaut hat: Brigitte Jeske aus Inzigkofen (bei Sigmaringen) hat die Betreuung des Netzwerks mit seinen lokalen Stützpunkten übernommen. Vor einigen Wochen erfolgte die Übergabe. 
 
Uli Fricker