„Ich bin voller Endorphine“

04.06.2024 |

Aus Berghausen in Pfinztal nach Venedig: Pavel Miguel hat eine Pietà erschaffen, die derzeit auf der Biennale ausgestellt wird. Zu Besuch bei einem ebenso sympathischen wie beeindruckenden Künstler ... 

Pavel Miguel in seinem Atelier in Berghausen in Pfinztal. Sein Markenzeichen: das rote Kopftuch.
„Ich habe extra noch aufgeräumt“, sagt Pavel Miguel. Der 62-Jährige steht in seinem Atelier in Berghausen in Pfinztal bei Karlsruhe. Rotes Kopftuch (sein Markenzeichen), unter ihm schauen schulterlange, schwarze Haare heraus, auf dem Kopftuch steckt eine Sonnenbrille, schwarz-grauer Bart, klein, muskelbepackt. Die Sonnenbrille braucht er nicht wirklich, draußen regnet es in Strömen. Dicke Tropfen prasseln auf die großen Skulpturen und Kunstwerke, die Pavel Miguel geschaffen hat und die im Garten stehen, liegen und hängen. Der mächtige Sisyphos, der einen Einkaufswagen auf einer steilen Rampe nach oben schiebt, oder der gewaltige Schwimmer, der mitten in einem Kraulzug dargestellt ist. 

Auch im Innern des Ateliers drängt sich die Kunst von Pavel Miguel. Aus der einen Ecke schauen einen Schriftsteller und Philosophen an, Hesse, Camus, Dostojewski. „Die habe ich mal für eine Ausstellung gemacht. Ich liebe Literatur und Philosophie.“ Große und kleine Skulpturen drängen sich auf Regalbrettern, Tischen und Schränken. Holzreliefs, die er mit der Kettensäge bearbeitet hat, mit sich eng umschlingenden Körpern lehnen neben dem Eingangsbereich, an der Wand gegenüber hängen großformatige Bilder mit bunten, collagierten Fischen. Pavel Miguel macht ehrliche Kunst. Ehrlich, weil sie zu ihm passt, sich niemandem anbiedert. Mal ist sie drastisch, mal lustig, mal verkopft, mal einfach nur schön. 
 
Die Mail aus Venedig hielt Pavel Miguel für einen Witz

Auf einer Säule steht eine kleine weiße Pietà, auf dem Schrank gegenüber noch eine weitere. Beide vielleicht 25 Zentimeter hoch. Letztere erinnert an die berühmte Pietà von Michelangelo. Maria sitzt jedoch auf einer Munitionskiste. Und anstelle des toten Jesus hält sie einen toten Soldaten in ihrem Schoß. In Groß gibt es diese Skulptur, die den Titel „Himmel und Hölle“ trägt, auch noch. Aber sie steht nicht in Berghausen, sondern knapp 500 Kilometer entfernt im Marinaressa-Garten in Venedig. Und zwar anlässlich der diesjährigen Biennale, der ältesten internationalen Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Wie es dazu gekommen ist, dass Menschen aus aller Welt seine Skulptur in Venedig sehen können, ist eine gute Geschichte, die Pavel Miguel in letzter Zeit häufiger erzählt hat. 

Vor einigen Monaten hatte er eine Mail im Postfach. Ob Pavel Miguel nicht die Skulptur in Venedig ausstellen wolle. „Ich dachte, das sei ein Witz.“ Er antwortete nicht. Doch es war kein Witz. Glücklicherweise blieb der Verantwortliche des Auswahlkomitees der Biennale hartnäckig, rief noch einmal an. Durch Zufall hätte er dessen Arbeit im Internet gesehen, erklärte er Pavel Miguel, und er fand, dass sie gut zu den anderen Antikriegswerken passen würde. So begann im Frühling für Pavel Miguel eine seiner aufregendsten Zeiten als Künstler. „Das war ein Abenteuer“, sagt er und strahlt und zeigt Bilder von diesem Abenteuer. Von der Eröffnungsfeier, Fotos von ihm mit anderen Künstlern, er unter der venezianischen Sonne vor der Skulptur, er auf einem Boot mit dem Kunstwerk und er mit dem Auto und dem Anhänger, in dem er die 2,7 Meter hohe und 2,2 Meter breite Skulptur nach Venedig gebracht hat. Möglich war das ganze Abenteuer auch durch die vielen lokalen Hilfen und Unterstützer und Unterstützerinnen. Allen voran der Karlsruher Kunstpromoter Anton Goll. „Er hat mir sehr geholfen und unterstützt mich sehr“, sagt Pavel Miguel dankbar.
 
Abenteuer Biennale: Pavel Miguel steht neben seiner Skulptur „Himmel und Hölle“, die noch bis Ende November bei der Biennale in Venedig im Marinaressa-Garten ausgestellt ist. Voller Liebe und Trauer hält die Gottesmutter einen toten Soldaten in ihrem Schoß. 

Die Pietà ist typisch Pavel Miguel. In vielerlei Hinsicht. Da ist das Arbeiten mit den unterschiedlichsten Materialien. In diesem Fall mit viel Metall, Marmorpulver und Harz. Dann ist da das Raue seiner Kunst, das Grobe, manchmal nicht fertig erscheinende. „Ich möchte nicht, dass sie perfekt sind.“ Was ist schon perfekt und ohne Fehler im Leben? Seiner Kunst sieht man an, dass sie erschaffen wurde. Mit Händen, oft auch mit Muskelkraft. Und Pavel Miguel möchte, dass seine Kunst eine Funktion hat. Eine Botschaft. In diesem Fall mitzufühlen mit allen Müttern und allen Vätern, die in der Absurdität des Krieges ihre Söhne verlieren. Dieses schreckliche, unsinnige Leid. 
 
„Guck mal“, sagt Pavel Miguel, geht in den Nebenraum und zeigt auf eine kleinere Arbeit. Eine Erdkugel, auf der rundherum kämpfende Kinderspielzeug-Soldaten befestigt sind. „Das habe ich ‚Die Erde aus der Sicht Gottes‘ genannt.“ Eine Idee für ein weiteres Anti-Kriegs-Kunstwerk hat er auch schon. Es soll die größere Version einer Arbeit sein, die er schon ausgeführt hat: ein Panzer, der in seinem Schussrohr eine Abfluss-Saugglocke stecken hat. „Scheiß-Krieg“ hat er die genannt. Bei der monumentalen Arbeit will er dann die Ketten wie Menschenknochen darstellen. Überhaupt: Pavel Miguel sprüht vor Ideen und er liebt das Große, das Monumentale. Für eine Kirche hat er schon mal eine mächtige „Himmelsleiter“ aus Holz geschaffen. Und aus dem Holz der Palmen, auf die er als Kind immer gestiegen ist, wenn er einen Asthmaanfall hatte und keine Luft mehr bekam, und die nach einem Sturm umgestürzt sind, aus diesem Holz hat er mal einen mächtigen Stuhl gefertigt. 
 
Unzählige Skizzen und auch kleinere Versionen der Pietà schuf Pavel Miguel, bevor er sich an die große monumentale Skulptur machte. Diese kleine Arbeit steht in seinem Atelier vor dem passenden Hintergrund einer blau-weißen Collage mit mächtigen Wurzeln. Das Besondere an dieser kleiner Pietà: Die tote Person im Schoß Marias trägt die Züge des jungen Fidel Castro.
Einmal am Tag wird eine Stunde trainiert: „Das muss sein.“
 
Das Monumentale, es liegt auch in seiner Persönlichkeit begründet. „Ich bin voll Vitalität“, sagt Pavel Miguel. Manchmal könne es schon sein, dass er stundenlang bis in die Nacht ohne Pause arbeitet. Im Hintergrund läuft dann Heavy-Metal-Musik, manchmal auch nur ein Lied in Dauerschleife. „Meine Frau regt sich dann immer auf“, lacht er. Zwischen seinen ganzen Kunstwerken liegen schwere Eisenhanteln. Diese alten Teile, denen man den Schmerz und den Schweiß ansieht, wenn mit ihnen trainiert wird, und die man heute nur noch in Fitnessräumen von Hotels findet, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich haben. Jeden Tag eine Stunde trainiert Pavel Miguel. „Ja, das muss sein“, sagt er und lädt lachend dazu ein, seinen Bizeps zu fühlen. „Hier ziehe ich mich immer zehnmal hoch“, sagt Pavel Miguel und zeigt auf das Seil, das von der Decke hängt. „Das brauche ich. Ich bin voller Endorphine.“

Geisteskraft und Muskelkraft: Im Atelier von Pavel Miguel vereint sich beides. Mehr zu der Kunst von Pavel Miguel auch unter: www.pavelmiguel.de 
Und da wundert es nicht, dass die Körper seiner Bilder und Skulpturen fast immer strotzen vor Kraft, mit Muskeln bepackt sind. Ein Muskel fehlt dabei fast nie. Der Musculus sternocleidomastoideus: der sogenannte Kopfnicker. Den braucht man, um den Kopf oben zu halten, nicht unterzugehen im Wellengang des Lebens. Warum seine Körper so viele Muskeln haben? „Vielleicht sind sie so etwas wie ein Panzer“, sagt Pavel Miguel. Ein Panzer gegen die Widrigkeiten des Lebens. Die Armut, das Leid, die Fragilität des Lebens. Geboren wurde Pavel Miguel 1962 auf Kuba. „Wir waren arm.“ Die Familie lebte am Meer. Oft ruderte er mit dem Boot raus, um Fische zu fangen. Als Kind und Jugendlicher wollte er Profi-Kajak-Sportler werden. Er war in der nationalen Auswahl. Aber ganz reichte es nicht. Er wurde Künstler. Als er einen nationalen Kunstpreis gewann, konnte er das erste Mal nach Deutschland reisen. Damals kehrte er noch zurück nach Kuba. Als er einige Jahre später wieder die Möglichkeit hatte, nach Deutschland reisen zu können, blieb er. 

Seine Heimat ist immer noch in seinem Herzen. Die Familie, das Meer, die Armut, die er erlebt hat. Das ist eine Nostalgie, die immer da ist. Sie gehört zu seinem Leben, genauso wie sein Glaube, Gott. „Der ist immer da“, sagt er. Mit allem. Dem Dank, dem Vertrauen, den Zweifeln. Einmal hat er auch einen Brief an Gott geschrieben. Und einmal hatte der Katholik Miguel auch eine tiefe Gotteserfahrung. So viel möchte er aber dazu auch nicht sagen. „Er ist da. Das reicht.“ 

„Guck mal“, sagt er dann noch und er zeigt auf einen großen Kopf, der nach oben zum Himmel gereckt ist. „Fragen an Gott“, heißt die Skulptur. Anstelle eines Gesichtes mit Nase, Augen und Mund ziehen sich Wellenlinien über den Kopf. Die Arbeit möchte er auch einmal in Groß herstellen. In Bronze. „Das wird super.“ Noch einmal nach Venedig zu seiner Pietà. Bis Ende November wird die Skulptur mit der weißen Madonna und dem dunklen Soldaten noch in Venedig zu sehen sein. Und dann? „Es gibt zwar Interessenten, aber sie ist immer noch zu haben“, sagt Pavel Miguel. Wenn eine Kirchengemeinde also Interesse hätte, könne sie sich gerne bei ihm melden.  
 
Daniel Gerber