Harken, säen und ernten erden den Pfarrer

14.05.2024 |

Auch die gemeinsame Arbeit im verwilderten Pfarrgarten führte einst die Gemeinden der Seelsorgeeinheit Alb-Südwest St. Nikolaus zusammen. Immer montags wühlt bis heute ihr Pfarrer Thomas Ehret hier selbst in der Erde – und schaut bei seinen Bienenvölkern nach dem Rechten.

Für Pfarrer Thomas Ehret ist die Arbeit im Garten meditative Zeit.
 
„Als Pfarrer kann man die Welt nicht retten, aber wenigstens einen Teil von ihr gestalten“, sagt Pfarrer Thomas Ehret und stützt sich auf seine Harke. Seit gut 20 Jahren gestaltet er das Gemeindeleben vom Pfarrhaus im Karlsruher Stadtteil Bulach aus. Direkt daneben steht die Kirche St. Cyriakus, ein mächtiger Sandsteinbau, der einst von Residenzbaumeister Heinrich Hübsch als „Idealkirche“ des 19. Jahrhunderts geplant und erstellt wurde. Kirche, Pfarrhaus, eine Scheune, Mauern und ein Tor begrenzen den großen Pfarrgarten. Und auch den gestaltet Ehret. „Als ich 2004 hierherkam, war der Pfarrgarten nicht für die Öffentlichkeit zugänglich“, erinnert sich der 57-Jährige. „Alles, was hier drinstand, war unter Brombeeren und wildem Wein nahezu verhungert.“ Jahrzehnte war nichts im Pfarrgarten gemacht worden. Heute ist er ein Kleinod und „unser Sommer-Gemeindehaus“, wie der Pfarrer mit strahlenden Augen erzählt. Das Tor ist seither nur noch selten verschlossen und wer mag, kann dahinter in ein grünes Paradies eintauchen.

Säen, pflanzen, ernten: Vor der Freude an Blüten, Obst und Gemüse steht die Gartenarbeit ...
Die totale Stille findet man im Pfarrgarten allerdings kaum. Der Ruf eines Turmfalken lässt Ehret nach oben schauen. Auf jedem der zwei Kirchtürme sitzt einer der Greifvögel. „Die brüten im großen Turm“, weiß der Geistliche und zeigt auf ein Einflugloch zum Nest. Sind die Turmfalken still, ist ein beständiges Summen als Hintergrundgeräusch zu hören. Das kommt von Ehrets zweiter Leidenschaft: der Bienenhaltung und Imkerei. Acht Völker hat er in der Sonne neben der Kirchenmauer stehen. Dutzende Arbeiterbienen schwirren aus und kommen wieder zurück. „Wenn sich bei mir gedanklich alles im Kreis dreht oder ich ein schwieriges Telefonat hatte, gehe ich für zehn Minuten zu den Bienen und beobachte sie“, sagt Ehret. „Dann bekomme ich Distanz und andere Gedanken.“ Jedes Volk schenkt ihm jährlich rund 20 Kilogramm Honig, die dem Kirchenbauverein zugutekommen. Auch Ehrets Oma hat geimkert. Ohnehin scheint ihm die Freude an der Arbeit in der Natur in die Wiege gelegt. In Kürzell bei Lahr geboren, wuchs Thomas Ehret in einem Elternhaus mit Landwirtschaft auf.
 
„Ich habe meine Kindheit auf dem Feld verbracht“, sagt er und lächelt bei der Erinnerung. Ein Hinweis im Konradsblatt, den sein Opa gelesen hatte, führte dazu, dass der junge Thomas ab der fünften Klasse ins Internat nach Stegen ging, um bei den Freiburger Domsingknaben mitzusingen. Vom 1. Sopran bis hin zum Bass war er Mitglied des Chores. In dieser Zeit sah er das heimische Feld oft nur in den Sommerferien, um bei der Ernte mitzuhelfen. Dafür öffnete sich ihm bei Konzertreisen die Welt. Sein Interesse an Theologie wuchs. Ehret studierte, wurde Pastoralreferent, Diakon und schließlich zum Priester geweiht. Seine erste Kaplanstelle führte ihn nach Ettlingen, wohin Ehret nun als dienstältester Karlsruher Pfarrer wieder zurückkehren wird. Seit 2004 ist er Gemeindepfarrer der heutigen Seelsorgeeinheit Karlsruhe Alb-Südwest St. Nikolaus mit Sitz in Karlsruhe-Bulach, die fünf ehemals selbstständige Gemeinden umfasst. Seit dieser Zeit sind der Pfarrer und der liebe Garten fest miteinander verbunden. „Zwei Seelen schlagen in meiner Brust“, sagt Ehret nachdenklich, wenn er an seinen Wechsel nach Ettlingen, St. Martin, denkt. Er breitet die Arme aus, blickt in seinen Garten und seine Augen strahlen. Die Menschen und der Garten hier sind ihm ans Herz gewachsen. „Meine Bienenvölker möchte ich auf jeden Fall mitnehmen“, sagt er mit Bestimmtheit. Das Pfarrhaus in Ettlingen biete auch viel Grün. Ohne das kann Thomas Ehret nur schlecht leben. „Der Garten erdet mich“, meint er, greift zur Harke, zieht seine Gartenschuhe an und wühlt im Gemüsebeet. Diese Erdung genießt er einmal die Woche an seinem freien Montag. „Wenn man die ganze Woche mit dem Hirn schafft, dann macht dieser eine Tag im Garten große Freude“, erklärt der Pfarrer. In der Ruhe könne er beim Wühlen im Boden über vieles nachdenken, reflektieren und vorstrukturieren. Ehret bezeichnet seinen Gartentag als meditative Zeit. Das Grün hinterm Pfarrhaus ist für Ehret auch ein Bild für das Gemeindeleben. „Auch das oder diejenigen, die man nicht sofort sieht, sind wichtig. Manche stehen gerne im Schatten, andere in der Sonne“, meint er. Der Garten versöhne ihn auch mit manchem.
 
Der einst verwilderte Garten ist heute ein Kleinod und „unser Sommer-Gemeindehaus“

Ganz nebenbei liefern Bäume und Beete Obst und Gemüse, aus denen im Pfarrhaus Most, Kuchen, Gelee oder Kompott gemacht werden, das eingekocht, eingefroren und das ganze Jahr über gegessen wird. Thomas Ehret zieht die Setzlinge selbst. Er beugt sich über sein Frühbeet und erklärt, welche Tomaten- oder Paprikasorten und welche Kürbisse und Auberginen darin heranwachsen. Allein neun Tomatensorten warten darauf, ausgesetzt zu werden. In direkter Nachbarschaft zum Frühbeet gedeihen große Palmen in Töpfen, wetteifern Olivenbäume um Sonnenstrahlen, treibt ein Granatapfelbaum seine Blätter aus. „Der hatte vergangenes Jahr sogar Früchte“, freut sich der Seelsorger. Nicht nur der Granatapfelbaum spielt auch in der Heiligen Schrift eine Rolle. „Es gibt so viele organische Bilder in der Bibel“, sinniert Ehret. Der Garten Eden fällt jedem vermutlich sofort ein, und eine Google-Suche verweist auf bestimmt 40 Bibelverse, in denen das Wort Garten vorkommt, auf weitere 31, die sich mit dem Gartenbau beschäftigen. „Der Ort der Auferstehung ist ein Garten“, vervollständigt Ehret, „und viele Menschen sehnen sich in den paradiesischen Zustand des Gartens Eden zurück.“
 
Seine acht Bienenvölker im Pfarrgarten schenken Pfarrer Thomas Ehret jedes Jahr jeweils rund 20 Kilogramm Honig.

Der Pfarrgarten ist auch aus dem Gemeindeleben nicht mehr wegzudenken. In der Coronazeit wurden hier Kommunionen gefeiert und Kinder am Brunnen getauft, der jetzt von Bienen umschwirrt wird. Heute noch finden Gemeindefeste auf dem sattgrünen Rasen statt. Den beschatten hohe Obstbäume, die derzeit reiche Ernte versprechen. „Ich mag besonders diese Kirsche“, deutet der Pfarrer auf einen großen Baum mit verzweigten Ästen. „Den habe ich als ersten hier gepflanzt“, sagt er und fügt fast ein wenig melancholisch hinzu: „So ein alter Baum bin ich auch schon fast.“ Doch genau so, wie dieser Baum kräftig sprießt und Früchte trägt, genau so schafft sich Ehret durch seinen Garten. Ab und an nimmt er unter dem großen Sonnenschirm Platz, und trinkt eine Tasse Kaffee. Dabei schweifen seine Augen über den Garten, über die Scheunenwand, die im Herbst voller Trauben hängt. An der großen Sandsteinmauer der Kirche, vor der die Bienenstöcke stehen, bleibt sein Blick hängen. Dahinter verbergen sich weitere Schätze wie die monumentalen Kreuzwegbilder, die Ehret Kindergartenkindern gerne bei Führungen erklärt. Auch seine dritte große Leidenschaft nach Gartenbau und Imkerei ist hier zu finden: die Voit-Orgel im Orgelgehäuse aus dem Jahr 1753. Auch beim Orgelspielen findet er Ruhe. Wenn hier der Wind durchs Gehäuse streicht und Manuale und Register gezogen sind, erlebt man die grandiose Akustik der Basilika, in deren zwei Türme acht Glocken die Uhrzeiten läuten. 

Bei einer der Kirchenrenovierungen wurde eine mehr als mannshohe Stahlglocke, die die Weltkriege überdauert hat, gegen eine Bronzeglocke ausgetauscht. Die rostbesetzte Stahlglocke steht jetzt im Garten neben dem Frühbeet. Sie soll noch in ein Gestell gehängt werden. Zukunftspläne, die Pfarrer Ehret allerdings künftig in Ettlingen schmieden wird, nicht mehr im beschaulichen Bulach in der Nachbarschaft zu geduckten Fachwerkhäuschen. „Ohne einen Garten würde mir das Leben schon schwerfallen“, sagt Ehret nachdenklich. „Aber ich bin zuversichtlich, dass ich auch künftig ein Stück Grün finde, das ich beackern kann und das mir Ruhe bringt.“
 
Ingrid Vollmer